tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Tag: Spiegel

That’s no way to get it on

(Holly:) Okay, eigentlich soll es hier vor allem um Pop etc. gehen. Ist aber nicht immer alles poppig. Gestern nacht erst schmerzlich gemerkt, im eigentlich sonst verlässlichen Tanzlokal um die Ecke. Statt des von meinem inneren Tanzbein dringend eingeforderten „Five Seconds“ spielt der zuständige Musikmacher nur Deltaradio-Pseudo-Indie-Geschrammel à la Babyshambles. Und als ich noch dachte „Na, zum Glück würden die hier nie Mumford & Sons spielen“ war es dann gleich hernach soweit. Manchmal denk ich ja, ich hätte telepathische Verbindungen zu DJs – nur gestern nacht haben wir uns irgendwie missverstanden.

Ein wenig hängen mir die drei Gimlets vom gestrigen früheren Abend doch noch nach. Mit Freundin D. in der hübschen Bar mit den violetten Wänden und den frischen Blumen auf dem Klo gewesen. Bisschen anbiedernd, aber ja, auch ich freu mich über Blumen und die Drinks schmecken ganz gut. D. berichtet anlässlich der aktuellen Sexismus-Debatte von einem französischen Kollegen, der Unverständnis äußerte über den bigott-pietistischen deutschen Glauben, am Arbeitsplatz dürften Geschlechter und Sexualität keine Rolle spielen. Nicht ganz unberechtigt, der Gedanke. Erfreulicherweise hat Sibylle Berg schon angemessen auf die naiv-empörten jungen Twitterinnen geantwortet.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sexismus, ebenso wie Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und ähnliche geistige Behinderungen sind weiter verbreitet als uns nur annähernd lieb ist und müssen unbequemerweise stetig und ständig angeprangert werden. Über  41 %  der  westdeutschen  Männer,  aber  auch  über  39 %  der  westdeutschen  Frauen  meinen, es sei für alle Beteiligten besser, wenn der  Mann  im  Berufsleben  stehe  und  sich  die  Frau  um  Familie  und  Haushalt  kümmere. In Ostdeutschland halbieren sich diese Haltungen übrigens locker (siehe hier). Wiedermal ein schönes Beispiel dafür, dass die Geschlechter-Sehstörung nicht angeboren ist. Dass Frauen übrigens fast ebenso sexistisch sind wie Männer, wird üblicherweise damit erklärt, dass sie sich ihr aufgezwungenes benachteiligtes Leben noch schön reden, um ihr positives Selbstbild zu erhalten (oder es per Vertrag absichern lassen, um das Gefühl zu haben, sie hätten etwas „ausgehandelt“ – vgl. „Shades of Grey“). Ungefähr aus demselben Grund erniedrigen sich so viele Frauen bereitwillig durch das nicht enden wollende Tragen von Slimfit-Jeans. Glaubt noch eine Frau, die „Brigitte“ liest, sie sei progessiv und emanzpiert, wenn die Chefredakteurin im Editorial damit kokettiert, dass sie versucht im Alltag Kalorien einzusparen, weil sie bei ihrem Mann vom Teller gabelt, anstatt sich selbst etwas zu bestellen (Brigitte 2/2013)?

Zurück zum Alltags-Sexismus: Sexismus bezeichnet geschlechtsbezogenes Denken und Handeln, das einen ungleichen Status von Männern und Frauen hervorbringt. An der aktuellen, im Kern so notwendigen und wichtigen, Debatte stört mich der sich aufdrängende Verdacht, dass einige der nun twitternden und offensichtlich betroffenen Frauen vor allem jenes Verhalten als übergriffig wahrnehmen, das sie bei in ihren Augen zu alten, zu dicken, zu armen oder zu wenig mächtigen Männern erleben. „Flirten“ hingegen ist okay, aber wer flirten darf, wird zugeschrieben. Aber nicht wundern, dass sich der chronisch zaudernde bärtige Hipster lieber gar nicht mehr sexuell geriert aus lauter Verunsicherung durch diese willkürlichen Zuschreibungen und die Schizophrenie, in Slimfit-Jeans nach Frauenquoten zu schreien und dann trotz Doktortitel doch lieber zuhause zu bleiben, weil es da gemütlicher ist.

Ja, ist nicht schön alles, schon gar nicht an regnerischen Sonntagnachmittagen im Januar, an denen man sich eigentlich von der harten Woche erholen wollte. Die Lösung? Sibylle Berg lesen und dabei „Twin Shadow“ hören.

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„Das hat der sich doch nur ausgedacht!“

als Hiltrud das erste und einzige Mal diese Wohnung betreten hat, fand sie es nötig, die Arbeiten auf dem Fußboden mit strengem Blick zu mustern und dann in pikiertem Tonfall zu erklären: „Ich weiß nicht, für wen so etwas gut ist. So eine Kunst. Wer so etwas anschaut – ich mag ja nun auch moderne Sachen, Chagall oder Magritte, abstrakte Malerei, aber meine Freundin Martina, die ein Geschäft hat, in dem auch Kunst verkauft wird, Postkarten, Drucke, sagt immer: Ein Künstler muß uns Freude machen, sonst ist er kein Künstler.“ Dietmar Dath, Dirac

(Luc) Aufmerksame Leser werden sich erinnern: im Sommerloch meldete sich Holly zur Besprechung von Houellebecqs „Elementarteilchen“ durch Clemens Setz zu Wort. Dort wurde schon deutlich, dass Setz sich in seiner Interpretation von der herrschenden Lehre absetzt: sowas wie Houellebecq kann angesichts des Zynismus nicht schön zu lesen sein. Jetzt hat Setz durch die Veröffentlichung von „Indigo“ den Wanst selbst in Schußhöhe.

Der Vorwurf, Houellebecq wäre zynisch, erhebt den Anspruch an Literatur, dass sie vornehmlich Trost spenden soll. Der Griff zum Buch soll erheitern oder ablenken – zuallermindest scheint es legitim zu sein, Werke dafür zu kritisieren, dass sie dies nicht tun. Dazu kommt bei Houellebecq, dass bei ihm deutlich wird, dass es Fiktion ist. Im Englischen redet man von „Fiction“, auch wenn es sich um einen Jugendroman handelt. Damit wird deutlich, dass es eben erfundene Geschichten sind. Erfundene Geschichten sind jedoch nicht beliebt, erst recht nicht, wenn sichtbar ist, dass sie erfunden sind.

Authentizität ist hier der Kampfbegriff, der „das Gute“ mit „dem Echten“ zusammenbringt – hier treffen sich dann auch die ganzen „Manufakturen„, in denen das Handwerk glorifiziert wird, mit vielen Anhängern der Singer/Songwriter. In dem Genre finden wir den Typus des „Liedermachers“ selten. Warum? Weil er politisch ist. Der Singer/Songwriter ist aber apolitisch: er singt und klampft über das Leben als solches, seins in speziellen und eigentlich aber über jenes von uns allen. Bob Dylan und Michael Stipe mag man, bei aller Grausligkeit ihrer Musik, anrechnen, dass sie dieses Identifikationsbedürfnis stören, indem sie ständig betonen, dass sie sich das alles komplett ausgedacht haben. Der Singer/Songwriter denkt sich aber nichts aus, denn er singt über das „echte Leben“.

Das gilt auch für das geschriebene Wort. In einer Zeit, in der Literatur als Lebenshilfe mißbraucht wird, können Autoren nur dann punkten, wenn sie genügend Identifikationspotenzial für die Leserschaft bieten. Je mehr desto besser. Mit Houllebecqs Figuren will sich aber niemand identifizieren. Die ultimative Kapitulation vor den Verhältnissen wird in den Sippenromanen des 21. Jahrhunderts geliefert. Hier kann man sich nicht nur schön in die Personen reindenken, sie kreisen sich auch schön übersichtlich um ein archaisches Mikrouniversum der Familie. Den zerfallenden Dynastien der westlichen Gesellschaften werden damit noch schnell kulturelle Denkmäler gesetzt, die sie „larger than life“ machen sollen.

(Jetzt wirds intellektuell) Diese Tendenzen der Alltags- und Familienprosa spiegelt eigentlich genau das wider, was damals bei Adorno & Horkheimer über das Hollywoodkino geschrieben wurde. Auch die Literatur, die in die Charts will, muss attraktive Persönlichkeiten, einen klaren Ablauf und viel Emo drinhaben. Den Plot sollte man nach Möglichkeit nicht als Konstruktion erkennen. Sowas wie „Indigo“ von Clemens Setz steht dem komplett entgegen. Und weil es sich so vehement von der Vorherrschaft des Eskapismus, des Cocoonings absetzt, reagiert das Establishment (hier in der Form des SPIEGELS) mit einer bekannten Strategie der Ausgrenzung: sie macht sich drüber lächerlich, indem es das Buch als „Mumpitz!“ abkanzelt. Erstaunlicherweise macht die FAZ da nicht mit sondern empfiehlt das Setz’sche Werk geradezu.

„Postmodern“, wie die FAZ es charakterisiert, ist allerdings nicht das passende Attribut für solche Bücher. Es gehört ja geradezu zum Kern der Moderne, sich Utopien, Fiktionen, vor allem bessere Welten zu denken. Inzwischen ist aber die Kohorte zeitabovollzahlerreif, die die letzten 15 Jahre mit verblödender Alltagsprosa ihre literarische Kinderstube bestritten haben. Sie ist deswegen verblödend, weil – so zeigt die Kritik – Leser von fiktionalen Konstruktionen scheinbar zunehmend überfordert sind. Es scheint, als ob es den Leuten immer schwerer fällt, mit alternativen Welten, multiplen Realitäten umzugehen. Es gibt nur eine Welt, und an der wird Kultur gemessen, wenn sie nicht gerade als SF oder Trash durchgehen will. Das über-die-aktuellen-Verhältnisse-hinausgehen war jedoch im 20. Jahrhundert der Inbegriff jeder modernen Kunstauffassung. Auch das ist wieder bei den ollen Frankfurtern nachzulesen. Ungefähr zeitgleich begann ja auch die Rezeption von Musil, quasi das Manifest des modernen Weltbezuges in der Literatur. Heute finden wir das in offensiver Form u.a. bei Dietmar Dath, der angesichts der Dummheit der Verhältnisse stets gezwungen zu sein scheint, darauf hinzuweisen, dass Fiktion als solche essentiell ist. Denn wer es schon beim Lesen nicht schafft, über die Verhältnisse zu sehen, der schafft es auch nicht politisch. Wenn Trost allerdings die Hauptfunktion von Literatur ist, kapituliert sie vor den Verhältnissen, die den Menschen so frustrieren, dass er es ohne Trost nicht mehr in ihnen aushält.

The XX: Rückzugsgefechte

(Luc) Als THE XX heiß waren, also im Herbst 2009, kam ich gerade nach England. Ich sollte ein paar Monate im Nordwesten arbeiten. Ich hatte weder ein Büro noch eine Wohnung in Aussicht, mietete mich also in einem B&B an der Küste ein und verbrachte die ersten Tage mit der Wohnungssuche. Und abends lag ich in meinem 6qm-Zimmer, schaute auf die flache See oder auf den Fernseher. Irgendwann lief „Later… with Jools Holland“, eine der feinsten Orte für Livedarbietungen guter Musik (Großartig z.B. der PRIMAL SCREAM-Auftritt mit „Swastika Eyes“!). Ich freute mich auf heiße britische Popmusik aber dort spielte nur THE XX.

Ich weiß, viele werden jetzt denken: „Wie toll, so stimmungsvoll! Ganz alleine mit dem Meer und dieser tollen Musik!“. Weil, THE XX ist ja so schön heimelig und kuschelig. Das wurde gerade nochmal im SPIEGEL bestätigt. Mit THE XX will man unter einer Decke sein, alleine sein, intim sein. Hach ja, schön muckelig. Der perfekte Soundtrack zum Bio-Coccooning der neuen Jungspießer. Und das jetzt sogar mit Indie-Coolness-Siegel! Wenn es ein Qualitätsmerkmal für Popmusik sein soll, klanggewordene Norwegersocken zu sein, dann ist in den letzten Jahren einiges falsch gelaufen. Statt der Möglichkeit, ein besseres Leben zu haben oder zumindest ein anderer Mensch sein zu können (die Essenz des 80er-Hedonismus), dient Musik jetzt scheinbar nur noch zum Einrichten im mehr schlecht als rechtem Jetzt. Es stimmt aber: THE XX sind die ideale Musik für Huscherchen der Generation Praktikum (oder wo sie sich jetzt gerade rumtreiben), die eh‘ schon ständig darüber klagen, wie schwer sie es haben.

Die musikalische Entsprechung: schlimmstenfalls belangloses Café-Gedudel, bestenfalls ein unglaublich farb- und einfallsloses Geklampfe. Zur kammermusikalischen „Reduktion“ (so der Spiegel-Rezensent) gesellt sich eine gesangliche, insbesondere bei Oliver Sim, der stets in einer Tonlage rumnölt, dabei aber in seiner Angestrengtheit, möglichst „intensiv“ zu singen, unglaublich verklemmt klingt (Madley Croft gehört mit gutem Willen noch in die Kategorie FEIST, deren Gekrächze ja durchaus Charme hat). Dass FLORENCE & THE MACHINE sich an dem Club-Klassiker „You Got the Love“ vergriffen hat, ist schon ein Affront für Candi Staton. Der Remix von THE XX allerdings ist eine Demütigung. Hier soll ein Exempel statuiert werden: Gegen Leidenschaft und Lebensenergie, für Lethargie und Zynismus.

Die neue Platte „Coexist“ klingt genauso wie der Erstling. Warum sollte man auch das Rezept ändern? Wir sind gespannt, ob bei der dritten oder vierten Platte dann von den heute noch wohlwollenden Kritikern „fehlende Innovation“ beklagt wird. Immerhin: auf „Reunion“ hört man Steeldrums.

Nachtrag: Wie gestern in der ZEIT bekannt wurde, teilt nicht nur der SPIEGEL die Begeisterung für die spiessigen Kammermusikanten aus England. Hier noch viel schlimmer: Eine Popband wird dafür gelobt, dass sie mit ihren Eltern dicke ist. Soviel Verblendung kann nur in bürgerlichen Kreisen existieren, in denen ja die „Aussöhnung mit der Elterngeneration“ eine Hauptbeschäftigung ab 30 ist. Entsprechend werden THE XX als Erfolgsprodukte einer guten frühkindlichen Musikerziehung (…“auf orffschen Instrumenten herumgeklöppelt“) präsentiert. In einem aber unterscheidet sich die ZEIT vom SPIEGEL: während der SPIEGEL mit THE XX heimelig unter die Decke kriechen will – wo irgendwann die Luft dünn wird -, will die ZEIT durch THE XX „in einer immer enger werdenden Welt freier Atmen“. Ich sags ja: Musik für jammernde Huscherchen.

Wieso Thomas Gross allerdings stets den Kontrast zur mackerhaften Rockerpose herstellt, ist schleierhaft: THE XX sind von Rock so weit entfernt, man könnte diese „Verweigerung“ genausogut bei APHEX TWIN hervorheben. Überhaupt existiert diese Attitüde schon seit Punk (Also seit 30 Jahren) nur noch in der karikierten (THE DARKNESS) oder reaktionären (NICKELBACK, KID ROCK) Form. Das ist nun wirklich ein „Easy Target“, um eine Andersartigkeit zu begründen, die in der Musik und der Rezeption von THE XX nicht enthalten zu sein scheint.