tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Tag: Manchester

Das Geschäftsjahr 2013

Anstelle einer Liste mit den besten Songs des Jahres, hier die Liste mit den fünf besten Pop-Momenten:

  • Holly und ich sitzen im Februar in Antwerpen in der Frittenbude mit Friet und guter Soße. Im Radio läuft Telex, und zwar „Eurovision„. Ich fühle mich wieder bestätigt, dass Belgien das meistunterschätzteste Land Europas ist.
  • Holly und ich besuchen das People’s History Museum in Manchester. Es gibt eine Jukebox mit 7″s, auf denen die Verbindung von Musik und gesellschaftlichem Wandel gezeigt wird. Als wir da vorbei kommen, läuft „Seconds“ von Human League. Nicht nur dass dieser Track in einem Museum läuft, nein, eine gute Seele wählt den sogar noch aus (für die Unwissenden: es ist die B-Seite zu „Don’t You Want Me“). Wie die Italiener das Dolce Vita qua Geburt und Aufwuchs draufhaben, so haben Mancunians einen uneinholbaren Startvorteil in Sachen Pop.
  • REWE, schnell nochwas zum Futtern holen. Aus den Lautsprechern ruft Billy Ocean „Love Really Hurts Without You„. Und für zwei Minuten ist REWE der beste Club der Stadt.
  • Urlaub im Ostseebad. Auf dem Weg zum Strand noch schnell vier Bier an der improvisierten Bude mitnehmen. Aus dem Radio kommt Chyp-Notic „I Can’t Get Enough„. Wieso ist Chillwave nicht immer so gut wie er gerade da aus dem quäkenden Transistorradio kommt?
  • Holly und ich in Manchester, beim Warehouse Project. Gerade haben CHIC mit Neil Rodgers gespielt. Die Roadies fangen schon mit dem Umbau an, aus den Pausenlautsprechern erschallt (natürlich) „Get Lucky“. Eine Gruppe um und mit uns singt lauthals mit, Nile Rodgers kommt nochmal runter an die Absperrung, stellt sich auf das Geländer, lacht breit, hebt den Arm, während die Gruppe weiter skandiert. Security gibt ihm zu wissen, dass er jetzt mal Backstage gehen soll. Er aber wieder auf den Zaun, wie ein Ultra. Und irgendwie ist er das ja auch, denn da wird 100% deutlich, worum es geht: Celebrate Life. Und wenn man weiß, dass er vor kurzem noch dem frühen Ende entkommen ist, wird das so völlig offensichtlich.

wie Recht er hat. Kurz von dem Jahreswechsel kommt die Nachricht vom Tode Benjamin Curtis. Welch ein Verlust. Als ich im Sommer gehört habe, dass er schwer erkrankt ist, habe ich sogar Geld gespendet. Vorher habe ich den Secret Machines zugejubelt, als all nur Oasis sehen wollten. Habe mich über das labernde Publikum geärgert, die mir die Freude an den School of Seven Bells genommen haben. ILU war mein Song des Jahres. Und es ist eine Tragödie, zu sehen, dass der Musikgeschichte mindestens fünf Alben geklaut werden, die jedes für sich hundert andere Alben ersetzen. So wie schon bei Broadcast. Und obwohl Benjamin Curtis ganz andere Musik gemacht hat, würde er sicher alles dafür eingetauscht haben, um mit Nile Rodgers Party zu machen.

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Historisches, allzuhistorisches: My Bloody Valentine in Manchester

(Luc): In den letzten Wochen und Monaten kam ich leider kaum dazu, mich auf Tentativism zu äußern, weil ich ständig die Facebook-Seite von My Bloody Valentine konsultieren mußte. Ihr erinnert Euch: im Herbst letzten Jahres hat Kevin Shields die neue Platte angekündigt und anstatt „ja klar, Kevin, Deine Mutter“ zu sagen, ahnte ich schon, dass da diesmal was dran ist. Und dann, im Dezember, zu Weihnachten, sass ich mit dicken Bauch vor dem Rechner und erfuhr von drei Konzerten My Bloody Valentines in England. England? Nicht grade um die Ecke, aber immer noch näher als New York oder Australien. Aber Mitte März? Da sollte ich eigentlich 10.000 km von England weg sein. Egal, Daten eintippen, Kreditkarte zücken, fertig. Zweimal My Bloody Valentine für Holly und mich. Wenns nicht klappt, krieg ich die Karten sicher irgendwie los. Und dann stehts im Kalender: My Bloody Valentine, 10 March, Manchester.

mbv88Wer uns und den Blog kennt, weiss, das Manchester für uns sowas wie Paris oder der Vatikan für andere Leute ist: problematisch mythisch aufgeladene Orte, die natürlich jeden Zauber verlieren, wenn man erstmal dort ist, weil sie einen eben auch nicht in lourdescher Manier zur unmittelbaren Erleuchtung verhelfen. Dafür ist das Essen aber ganz gut.

Die Crux an Städten wie Manchester: sie sind so dynamisch, dass immer eine Menge passiert, aber auch, dass die Zeichen früherer Entwicklungen von der neuen Zeit überrollt werden. Den dynamischsten Orten sieht man es gottseidank nicht an, dass sie eine wichtige kulturelle Rolle spielen: wo vergangene Epochen museal konserviert werden, ist der Pesthauch der Ödnis nicht weit. So zelebriert der Kiez in Hamburg oder die Lower East Side in New York die vergangenen Zeiten, während hinter den Mauern nur noch das Internetagenturenwesen blüht.

In Manchester wird nichts mumifiziert. Orte werden nach ihrer Hochzeit wieder zum normalen Stadtgebiet und lassen bestenfalls ein kleines Zitat zurück. Sowohl die erste kapitalistische Fabrik wie auch die Hacienda wurden zu Parkplätzen. Warum auch nicht? Das Gegenprogramm, die penetrant klammernde Zurückgebliebenheit, zeigt sich an den ganzen Smiths-Fans, die sich vor dem Salford Lads Club ablichten lassen. Ja, ich habe auch eine Smiths-Platte, aber besser als Fine Young Cannibals finde ich die auch nicht.

Vor dem Konzert erschien dann noch die neue LP von My Bloody Valentine. Da wartet man 22 Jahre (OK, so richtig warten tut man ja höchstens 17) und dann passiert alles an einem Samstagabend: „Nachher geht die neue Seite online“, „Die neue Platte kann dann dort bestellt werden“. Lakonischer gehts kaum. Dass abseits jedem Werbe-Hypes trotzdem My Bloody Valentine die Spalten und Regale des frühjährlichen 2013 dominierten, verdeutlicht ja nur (noch einmal), wie reif das Independent-Wesen der Popkukultur sein kann. Eine Band wie My Bloody Valentine kann ohne Label im Rücken ohne weiteres die flächendeckende Versorgung mit Platten, CDs und Downloads sicherstellen. Es war zwar zu erwarten, dass Kevin Shields nach den Erfahrungen mit Island und, ja, auch Creation, nur noch wenig Bock auf Labelgetue hat, aber das dann auch ohne hinzukriegen, hätte man von dem Schluffi ja nicht gedacht. Umso erfreulicher, dass „mbv“ nicht in der Indie-Obskurität verschwand, sondern popkulturell sowas von breit aufgenommen wurde. Irgendwas scheint die Feuilletons und Musikpresse geritten zu haben, dass sich Spiegel, Zeit und Musik Express darin überbieten, tatsächlich schöne Rezensionen zu schreiben. Denn My Bloody Valentine sind hier das genaue Gegenteil von den unzähligen Indie-Säuen, die durch den Bloggerwald getrieben und auch nur deshalb wahrgenommen werden. Hier wird noch mit dem „Content“ gepunktet. Eigentlich müßte die neue My Bloody Valentine bei Manufactum verkauft werden.

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Konzerte, gerade solche, die mit einer großen Erwartungshaltung beladen sind, sind nur schwer zu referieren. Besonders, weil es bei MBV und dem Sound der Band ja irgendwie auch immer um das geht, „was die Musik mit einem macht“. Da wirds oft schnell peinlich, wenn man sich genötigt fühlt, große Emotionen zu Papier, Tastatur oder Mikro zu bringen. Es gibt keine Garantie dafür, dass die beste Musik auch die bedeutsamste ist. Nach 25 Jahren My Bloody Valentine und 100 Mal „Loveless“ ist jede Ursprünglichkeit dahin. Man versucht zu verstehen, wie dieser Sound gemacht wird, wieso er klingt, wie er klingt, wieso man in einer bestimmten Art und Weise darauf anspringt. Da ist My Bloody Valentine im Vergleich zu 98% aller anderen Musik eine harte Nuss, an der man sich abarbeiten kann. Kings of Leon, The XX oder Snow Patrol hat man ja nach 20 Sekunden durchschaut. So höre ich My Bloody Valentine und so schaue ich sie mir eben auch an: wie machen die das?

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Die Erwartung, ein My Bloody Valentine-Konzert würde mich in einen entrückten, oder ekstatischen Zustand versetzen, ist natürlich die altbekannte romantische Trope, nach der Musik wie Sex oder Drogen zur Flucht aus den Verhältnissen beitragen soll. Dabei will ich gar nicht leugnen, dass Musik Rausch und Euphorie erzeugen kann. Stelle „To Here Knows When“ mal für eine halbe Stunde auf Dauer-Repeat und du weißt Bescheid. Aber wenn ich bei My Bloody Valentine in Euphorie komme, dann über die kreative Großartigkeit. My Bloody Valentine sind Musikarchitekten, die es geschafft haben, Klanggebilde zu erzeugen, die es vorher nicht gab. Dies live zu sehen, vergewissert noch einmal, dass es sich dabei nicht um Hexenwerk handelt, sondern dass Shields, Butcher, Ó Ciosóig und Googe simpel und ergreifend über die Produktionsmittel verfügen, solche Gebilde zu errichten. Aus den Verstärkern kommt dieser Sound so, wie er aus der Vinylrille kommt (Abmischung hin oder her). Es ist gerade diese Reproduzierbarkeit, die die Größe ausmacht. Der Stellenwert der neuen Platte kann daher kaum größer eingeschätzt werden: „Loveless“ ist eben kein zufällig genialer Wurf, der aus einem Haufen mittelmäßiger Werke heraussticht, sondern das Ergebnis eines kreativen Weges dahin, solche Sounds erzeugen zu können. Und wenn die wollen, machen die das halt nochmal. Die Mittel dazu stehen jedem offen und My Bloody Valentine haben gezeigt, dass Loveless wiederholbar ist. Es zeigt, dass man tatsächlich sowas hinkriegen kann, wenn man sich nur Mühe gibt. Die Zeit zwischen „Loveless“ und „mbv“ war ja schließlich von unzähligen Bands geprägt, die Shoegaze à la MBV machen wollten, es aber nicht hinbekommen haben (All Natural Lemon and Lime Flavours oder, leider, auch die dritte Ulrich Schnauss LP). Bands wie Mogwai oder Boards of Canada haben es aber ziemlich gut verstanden, die Mittel, die My Bloody Valentine erschaffen haben, für die Verbesserung der Musik zu nutzen. Vielleicht hat das Konzert von My Bloody Valentine im März 2013 ja ungefähr einen solchen Impact auf die musikalische Szene Manchesters, wie der Auftritt der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall (ähem)…