tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Tag: Literatur

„Das hat der sich doch nur ausgedacht!“

als Hiltrud das erste und einzige Mal diese Wohnung betreten hat, fand sie es nötig, die Arbeiten auf dem Fußboden mit strengem Blick zu mustern und dann in pikiertem Tonfall zu erklären: „Ich weiß nicht, für wen so etwas gut ist. So eine Kunst. Wer so etwas anschaut – ich mag ja nun auch moderne Sachen, Chagall oder Magritte, abstrakte Malerei, aber meine Freundin Martina, die ein Geschäft hat, in dem auch Kunst verkauft wird, Postkarten, Drucke, sagt immer: Ein Künstler muß uns Freude machen, sonst ist er kein Künstler.“ Dietmar Dath, Dirac

(Luc) Aufmerksame Leser werden sich erinnern: im Sommerloch meldete sich Holly zur Besprechung von Houellebecqs „Elementarteilchen“ durch Clemens Setz zu Wort. Dort wurde schon deutlich, dass Setz sich in seiner Interpretation von der herrschenden Lehre absetzt: sowas wie Houellebecq kann angesichts des Zynismus nicht schön zu lesen sein. Jetzt hat Setz durch die Veröffentlichung von „Indigo“ den Wanst selbst in Schußhöhe.

Der Vorwurf, Houellebecq wäre zynisch, erhebt den Anspruch an Literatur, dass sie vornehmlich Trost spenden soll. Der Griff zum Buch soll erheitern oder ablenken – zuallermindest scheint es legitim zu sein, Werke dafür zu kritisieren, dass sie dies nicht tun. Dazu kommt bei Houellebecq, dass bei ihm deutlich wird, dass es Fiktion ist. Im Englischen redet man von „Fiction“, auch wenn es sich um einen Jugendroman handelt. Damit wird deutlich, dass es eben erfundene Geschichten sind. Erfundene Geschichten sind jedoch nicht beliebt, erst recht nicht, wenn sichtbar ist, dass sie erfunden sind.

Authentizität ist hier der Kampfbegriff, der „das Gute“ mit „dem Echten“ zusammenbringt – hier treffen sich dann auch die ganzen „Manufakturen„, in denen das Handwerk glorifiziert wird, mit vielen Anhängern der Singer/Songwriter. In dem Genre finden wir den Typus des „Liedermachers“ selten. Warum? Weil er politisch ist. Der Singer/Songwriter ist aber apolitisch: er singt und klampft über das Leben als solches, seins in speziellen und eigentlich aber über jenes von uns allen. Bob Dylan und Michael Stipe mag man, bei aller Grausligkeit ihrer Musik, anrechnen, dass sie dieses Identifikationsbedürfnis stören, indem sie ständig betonen, dass sie sich das alles komplett ausgedacht haben. Der Singer/Songwriter denkt sich aber nichts aus, denn er singt über das „echte Leben“.

Das gilt auch für das geschriebene Wort. In einer Zeit, in der Literatur als Lebenshilfe mißbraucht wird, können Autoren nur dann punkten, wenn sie genügend Identifikationspotenzial für die Leserschaft bieten. Je mehr desto besser. Mit Houllebecqs Figuren will sich aber niemand identifizieren. Die ultimative Kapitulation vor den Verhältnissen wird in den Sippenromanen des 21. Jahrhunderts geliefert. Hier kann man sich nicht nur schön in die Personen reindenken, sie kreisen sich auch schön übersichtlich um ein archaisches Mikrouniversum der Familie. Den zerfallenden Dynastien der westlichen Gesellschaften werden damit noch schnell kulturelle Denkmäler gesetzt, die sie „larger than life“ machen sollen.

(Jetzt wirds intellektuell) Diese Tendenzen der Alltags- und Familienprosa spiegelt eigentlich genau das wider, was damals bei Adorno & Horkheimer über das Hollywoodkino geschrieben wurde. Auch die Literatur, die in die Charts will, muss attraktive Persönlichkeiten, einen klaren Ablauf und viel Emo drinhaben. Den Plot sollte man nach Möglichkeit nicht als Konstruktion erkennen. Sowas wie „Indigo“ von Clemens Setz steht dem komplett entgegen. Und weil es sich so vehement von der Vorherrschaft des Eskapismus, des Cocoonings absetzt, reagiert das Establishment (hier in der Form des SPIEGELS) mit einer bekannten Strategie der Ausgrenzung: sie macht sich drüber lächerlich, indem es das Buch als „Mumpitz!“ abkanzelt. Erstaunlicherweise macht die FAZ da nicht mit sondern empfiehlt das Setz’sche Werk geradezu.

„Postmodern“, wie die FAZ es charakterisiert, ist allerdings nicht das passende Attribut für solche Bücher. Es gehört ja geradezu zum Kern der Moderne, sich Utopien, Fiktionen, vor allem bessere Welten zu denken. Inzwischen ist aber die Kohorte zeitabovollzahlerreif, die die letzten 15 Jahre mit verblödender Alltagsprosa ihre literarische Kinderstube bestritten haben. Sie ist deswegen verblödend, weil – so zeigt die Kritik – Leser von fiktionalen Konstruktionen scheinbar zunehmend überfordert sind. Es scheint, als ob es den Leuten immer schwerer fällt, mit alternativen Welten, multiplen Realitäten umzugehen. Es gibt nur eine Welt, und an der wird Kultur gemessen, wenn sie nicht gerade als SF oder Trash durchgehen will. Das über-die-aktuellen-Verhältnisse-hinausgehen war jedoch im 20. Jahrhundert der Inbegriff jeder modernen Kunstauffassung. Auch das ist wieder bei den ollen Frankfurtern nachzulesen. Ungefähr zeitgleich begann ja auch die Rezeption von Musil, quasi das Manifest des modernen Weltbezuges in der Literatur. Heute finden wir das in offensiver Form u.a. bei Dietmar Dath, der angesichts der Dummheit der Verhältnisse stets gezwungen zu sein scheint, darauf hinzuweisen, dass Fiktion als solche essentiell ist. Denn wer es schon beim Lesen nicht schafft, über die Verhältnisse zu sehen, der schafft es auch nicht politisch. Wenn Trost allerdings die Hauptfunktion von Literatur ist, kapituliert sie vor den Verhältnissen, die den Menschen so frustrieren, dass er es ohne Trost nicht mehr in ihnen aushält.

Die Entdeckung des Elementarteilchens: Über Sommerlöcher, Studenten und Literatur

(Holly): Studenten sind so einfach rumzukriegen. Eine besonders erfolgreiche Strategie der Kundengewinnung ist für viele Unternehmen deshalb, mithilfe vergleichsweise günstiger, für Studenten aber attraktiver Prämien (iPods, Bargeld, Trolleysets), Konto-/Versicherungs-/Abonnementverträge mit Studenten abzuschliessen. Besonders perfide ist die Strategie von Nachrichtenmagazinen oder Tages- und Wochenzeitungen. Studenten sehen sich selbst als potentiell intellektuell und kritisch, deshalb BRAUCHEN sie das Spiegel/Süddeutsche/Zeit/taz-Abo WIRKLICH (und es kostet weniger als die Hälfte des Normalpreises, plus LKW-Planentasche als Prämie). Ich habe das Zeit-Abo abgeschlossen (immerhin: das Bergmann-Radio steht bei Luc in der Küche [kriegt aber nur Deutschlandfunk rein. Wahrscheinlich von der ZEIT so ausgeliefert, Luc]). Warum ist diese Studenten-als-Kunden-Nummer so erfolgreich? Weil Studenten nach ihrem Studium immer noch eher als Nicht-Studenten gut auf dem Arbeitsmarkt einsteigen. Man braucht kein Berater-Gehalt um trotzdem soviel Geld zu haben, dass der Leidensdruck durch den Nicht-Mehr-Studentenpreis für das Abo nicht zu groß wird (immerhin: mein auf-einmal-kostenpflichtiges Konto bei der Sparkasse habe ich gekündigt). Die Geschichte mit der Pfadabhängigkeit ist nicht so banal wie sie klingt (es wurden schon Nobelpreise dafür vergeben). Ich bin also seit mehreren Jahren Vollzahler der ZEIT und pflege meine Hassliebe mittlerweise ganz liebevoll. Immerhin habe ich so ein Ventil für ab und an ja auch mal anfallende negative Energien.

Ich schweife ab: es ist Sommer, und das heisst für Medien und Politik: Sommerloch. Da kommen die schönsten Sachen durch die Druckerpressen. Die Zeit-Feuilleton-Schreiber wollten vermutlich dieses Jahr alle ganz weit weg und das ganz lange, und deshalb sind sie auf eine prima Idee gekommen: wir machen einfach den 734. Literaturkanon des 20. Jahrhunderts, das kann man prima vorschreiben oder haben wir eh in der Schublade. Dann brauchen wir nur noch einen kleinen in-was-für-einer-Gesellschaft-leben-wir eigentlich-Streit unter medienaffinen Soziologen anzuzetteln (die betreffende Professorenschaft ist eitel genug, fleissig Gastbeiträge zu liefern) – den Rest erledigt die Praktikantenschaft, ab in den Urlaub!

Ich muss es zugeben, so ganz kalt lässt mich diese Kanon-Geschichte nicht. Ich muss dann aber doch schnell feststellen, dass ich offensichtlich die ein oder andere Bildungslücke (nach Zeit-Feuilleton-Definition) aufweise. Sei’s drum. In der gefühlten 27. Folge dann aber doch: doppelter Treffer! „Die Entdeckung des Himmels“ und „Elementarteilchen“. Beides gelesen (natürlich während des Grundstudiums). Ich lese erst die Mulisch-Rezension. Mir hat das Buch damals eigentlich gut gefallen, die ganze göttliche Geschichte und die zuweilen überambitionierte tour d’horizon durch die bildungsbürgertümliche Menscheitsgeschichte war zwar schon zwischendurch langweilig, aber dennoch erinnere ich mich, dass mich das Buch über einige schlechte Tage hinweggerettet hat, und das ist manchmal schon mehr als eine ganze Menge anderer Bücher können. In Erinnerung geblieben ist mir ein Satz: „Darf Onno bitte draussen mit mir spielen, Frau Hartmann“? Der hat mir gefallen, weil er eben die lakonische, aber innige Freundschaft von Max und Onno spiegelt. Nun aber zu der Rezension: Jürg Laederach schreibt: „Bei Harry Mulisch bleibt offen, ob der Autor oder Gott erzählt“. Naja. Weiterhin kommen einige feuilletoneske Floskeln und Grundbegriffe: „die Regale der Theodizee“, der „Tutti-Roman“, das „mephistophelische“, die „Mulischsche Kombinatorik“. Literaturrezensenten-Dienst-nach-Vorschrift halt. Ist vielleicht die Urlaubsreife.

Auf der nächsten Seite nun die „Elementarteilen“-Kritik. Clemens Setz schreibt, er habe das Buch im Alter von 17 gelesen und es sei das tröstlichste Buch gewesen, dass ihm je untergekommen war. Erst nach der Lektüre habe er wahrgenommen, dass der Roman in vielen Kritiken als bitterböse, kalt, sexistisch und zynisch eingeschätzt wurde. Das fand auch ich bei meiner Lektüre. Ich war sauer, über den erbärmlich wichsenden Bruno, über die Beschreibungen von mordenden Sekten-Orgien und überhaupt: ich war ein Mädchen vom Lande und ich glaubte an „Liebe, Wärme, Intimität und Akzeptanz“, die ,wie Setz schreibt, in der Weltliteratur doch immer die Trostinstanzen gewesen seien. Wie konnte nun der 17jährige Clemens Setz Trost finden in Houellebecqs Masterpiece? Setz zitiert aus dem Buch: „…er litt vermutlich darunter, aber das ist schwer zu sagen, denn er sprach tatsächlich immer seltener. Er errichtete kleine Altäre aus Kieselsteinen, Zweigen und Krebspanzer; dann fotografierte er sie in flach einfallendem Licht“. Dazu schreibt Setz: „In Bildern wie diesem wollte ich mich am liebsten einrollen und friedlich einschlafen“. Ich begann zu verstehen.

Beim Lesen dieser Rezension bleibt ein so ganz anderer Eindruck zurück, als beim Lesen der Mulisch-Kritik. Warum? Vielleicht weil Clemens Setz und ich ungefähr gleich alt sind, vielleicht aber auch eher, weil Setz sich nicht scheut, sehr persönlich zu werden. Er versteckt sich nicht hinter Floskeln, er legt sich offen, und kommt doch nicht vom Thema ab: der Besprechung eines nicht ganz unwichtigen Romans.