We had crazy fucking times till her visa card expired.

Leichtfertig vergebene Chancen #1: mclusky

(Luc) Die Nadel fällt in die Rille, ein wenig leichtes Knistern, abgelöst von schnellen Sechzehnteln auf der geschlossenen Hi-Hat. Plötzlich macht es Rums und schlagartig setzt der hektische Gesang ein, als ob Mr. Chapple auf der Flucht wäre. Aber schnell wird klar: der Mann hat Brass. Und zwar auf so ziemlich jeden. Spätestens bei „Collagen Rock“ hat dann auch jeder verstanden: dem Mann möchte man nicht im Dunkeln begegnen.

It’s easy to say now, their trainers seemed fine and their hair was a fucking delight.

Ich kam per Zufall zu mclusky. „Adam was a Cowboy Killer“ fiel mir in der Singlekiste im gut sortierten Kölner Plattenladen aus zwei Gründen ins Auge: 1) sie war auf „Too Pure“, 2) ich wollte wissen, ob Adam, oder gar Teile von mclusky Mitglieder der alten walisischen Punkband COWBOY KILLERS war. Nach der Hälfte des Songs war mir das völlig latte. Ich hörte das böseste, zynischste, fuckyouste, was mir seit Jahren zu Ohren gekommen ist. Eine Woche später lief ich mit „Mclusky Do Dallas“ nach Hause, setzte die Nadel in die Rille und Mr. Chapple brüllte mir von seiner Flugangst aus den Boxen, als ob ich dran Schuld wäre.

My band is better than your band, we take more drugs than a touring funk band.

Mclusky waren keine „richtige“ Punkband. Sie waren auf Too Pure, ließen sich von Steve Albini produzieren und traten nicht ständig in besetzten Häusern auf. Wenn mich aber jemand fragt, was Punk der Musik gebracht hat, dann sage ich: Energie. Ohne DISCHARGE, VARUKERS, TERVEET KÄDET, oder der Unzahl an japanischen Hardcore-Bands würde sich weder Metal, Rock oder Techno so anhören, wie es das heute tut. Und wenn Liam Howlett mit „Faust hoch und ab nach vorne“ beschrieb, was den PRODIGY-Sound ausmachte, dann meinte er genau das. Und das ist es auch, was mclusky ausmachte, in deutlich besserer Qualität als PRODIGY natürlich.

If there’s no new wave then there’s no fun.

2004 spielten mclusky in Potsdam. Ich hing mit einem Freund nachmittags im Flughafen Tempelhof rum, diesmal aber nicht, um beim Air-Snack ein Eibrötchen zu essen, sondern wegen einer zutiefst hippen Veranstaltung: Music for Airports. Das hatte zwei Gründe: 1) es war nur zehn Minuten entfernt, 2) es traten ISAN auf. Letztere – regelmäßige Leser von tentativism werden es wissen – stehen hoch in meiner Gunst. Ich sass also auf der abgenudelten Auslegeware des alten Restaurant des Tempelhofer Flughafens rum, schaute mir das durchaus angenehm gemischte Publikum an, fragte mich, ob Thomas Morr wieder zugenommen hatte und klönte mit besagtem Freund rum, während hinter der Landebahn langsam die Sonne unterging. Eigentlich ganz fluffig. ISAN hatte ich schonmal gesehen, waren nicht so toll wie damals, was aber auch an der Neonbeleuchtung und den unablässig tratschenden Publikum lag. Naja, es war noch genug Zeit, um nach Potsdam ins Waschhaus zu fahren, aber auf der anderen Seite war ich schon den ganzen Nachmittag popkulturell unterwegs, und irgendwie war im aviatischen Elektronikhimmel alles so friedlich, da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob mir mclusky nicht tatsächlich den Abend verderben würden.

I only want a video or photograph of that time you knocked my sister over.

Überhaupt: die hatten gerade mal ihre zweite Platte draußen. Die waren grad erst am Anfang, die würden noch ein halbes Dutzend Platten und Touren machen. Keine Eile, meine Chance kommt noch. Hmm, geschissen. Der Mond hat im neuen Jahr noch keine ganze Füllung gehabt, da schickten die Helden aus Wales schon ihre Auflösungserklärung durchs Weltnetz. Scheinbar konnten die sich wirklich selber nicht ausstehen. Der Verlust wurde erst später offensichtlich. Da wurde klar, dass denen wenig das Wasser reichen konnte. Das wußten inzwischen auch andere, die Vinyl-Ausgaben von „mclusky Do Dallas“ wechselten für knappe 100 Euro die Besitzer. Ich schwelgte 2008 noch einmal einige Wochen in den drei Platten und ärgerte mich zunehmend über meinen Freund, der mich von der Reise nach Potsdam abgehalten hatte. Ich habe aus Frust jeden Kontakt zu ihm abgebrochen, auch wenn ich mich natürlich nur über mich selbst ärgerte. Seitdem bin ich alert: wer weiß schon, wie oft man die Gelegenheit hat, sich mal so richtig anätzen zu lassen. Mit Recht!

Erfreulich, aber kaum tröstend: der Nachfolger FUTURE OF THE LEFT ist auch ziemlich gut. Ist nämlich quasi der legitime Nachfolger. SHOOTING AT UNARMED MEN etwas weniger. Momentan gibt es noch einige Vinyl-Ausgaben der legendären „Do Dallas“ zu kaufen, da die Scheibe zum Record-Store-Day 2012 nochmal begrenzt nachgepresst wurde. Sollte man im Haus haben.

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