Die Entdeckung des Elementarteilchens: Über Sommerlöcher, Studenten und Literatur

(Holly): Studenten sind so einfach rumzukriegen. Eine besonders erfolgreiche Strategie der Kundengewinnung ist für viele Unternehmen deshalb, mithilfe vergleichsweise günstiger, für Studenten aber attraktiver Prämien (iPods, Bargeld, Trolleysets), Konto-/Versicherungs-/Abonnementverträge mit Studenten abzuschliessen. Besonders perfide ist die Strategie von Nachrichtenmagazinen oder Tages- und Wochenzeitungen. Studenten sehen sich selbst als potentiell intellektuell und kritisch, deshalb BRAUCHEN sie das Spiegel/Süddeutsche/Zeit/taz-Abo WIRKLICH (und es kostet weniger als die Hälfte des Normalpreises, plus LKW-Planentasche als Prämie). Ich habe das Zeit-Abo abgeschlossen (immerhin: das Bergmann-Radio steht bei Luc in der Küche [kriegt aber nur Deutschlandfunk rein. Wahrscheinlich von der ZEIT so ausgeliefert, Luc]). Warum ist diese Studenten-als-Kunden-Nummer so erfolgreich? Weil Studenten nach ihrem Studium immer noch eher als Nicht-Studenten gut auf dem Arbeitsmarkt einsteigen. Man braucht kein Berater-Gehalt um trotzdem soviel Geld zu haben, dass der Leidensdruck durch den Nicht-Mehr-Studentenpreis für das Abo nicht zu groß wird (immerhin: mein auf-einmal-kostenpflichtiges Konto bei der Sparkasse habe ich gekündigt). Die Geschichte mit der Pfadabhängigkeit ist nicht so banal wie sie klingt (es wurden schon Nobelpreise dafür vergeben). Ich bin also seit mehreren Jahren Vollzahler der ZEIT und pflege meine Hassliebe mittlerweise ganz liebevoll. Immerhin habe ich so ein Ventil für ab und an ja auch mal anfallende negative Energien.

Ich schweife ab: es ist Sommer, und das heisst für Medien und Politik: Sommerloch. Da kommen die schönsten Sachen durch die Druckerpressen. Die Zeit-Feuilleton-Schreiber wollten vermutlich dieses Jahr alle ganz weit weg und das ganz lange, und deshalb sind sie auf eine prima Idee gekommen: wir machen einfach den 734. Literaturkanon des 20. Jahrhunderts, das kann man prima vorschreiben oder haben wir eh in der Schublade. Dann brauchen wir nur noch einen kleinen in-was-für-einer-Gesellschaft-leben-wir eigentlich-Streit unter medienaffinen Soziologen anzuzetteln (die betreffende Professorenschaft ist eitel genug, fleissig Gastbeiträge zu liefern) – den Rest erledigt die Praktikantenschaft, ab in den Urlaub!

Ich muss es zugeben, so ganz kalt lässt mich diese Kanon-Geschichte nicht. Ich muss dann aber doch schnell feststellen, dass ich offensichtlich die ein oder andere Bildungslücke (nach Zeit-Feuilleton-Definition) aufweise. Sei’s drum. In der gefühlten 27. Folge dann aber doch: doppelter Treffer! „Die Entdeckung des Himmels“ und „Elementarteilchen“. Beides gelesen (natürlich während des Grundstudiums). Ich lese erst die Mulisch-Rezension. Mir hat das Buch damals eigentlich gut gefallen, die ganze göttliche Geschichte und die zuweilen überambitionierte tour d’horizon durch die bildungsbürgertümliche Menscheitsgeschichte war zwar schon zwischendurch langweilig, aber dennoch erinnere ich mich, dass mich das Buch über einige schlechte Tage hinweggerettet hat, und das ist manchmal schon mehr als eine ganze Menge anderer Bücher können. In Erinnerung geblieben ist mir ein Satz: „Darf Onno bitte draussen mit mir spielen, Frau Hartmann“? Der hat mir gefallen, weil er eben die lakonische, aber innige Freundschaft von Max und Onno spiegelt. Nun aber zu der Rezension: Jürg Laederach schreibt: „Bei Harry Mulisch bleibt offen, ob der Autor oder Gott erzählt“. Naja. Weiterhin kommen einige feuilletoneske Floskeln und Grundbegriffe: „die Regale der Theodizee“, der „Tutti-Roman“, das „mephistophelische“, die „Mulischsche Kombinatorik“. Literaturrezensenten-Dienst-nach-Vorschrift halt. Ist vielleicht die Urlaubsreife.

Auf der nächsten Seite nun die „Elementarteilen“-Kritik. Clemens Setz schreibt, er habe das Buch im Alter von 17 gelesen und es sei das tröstlichste Buch gewesen, dass ihm je untergekommen war. Erst nach der Lektüre habe er wahrgenommen, dass der Roman in vielen Kritiken als bitterböse, kalt, sexistisch und zynisch eingeschätzt wurde. Das fand auch ich bei meiner Lektüre. Ich war sauer, über den erbärmlich wichsenden Bruno, über die Beschreibungen von mordenden Sekten-Orgien und überhaupt: ich war ein Mädchen vom Lande und ich glaubte an „Liebe, Wärme, Intimität und Akzeptanz“, die ,wie Setz schreibt, in der Weltliteratur doch immer die Trostinstanzen gewesen seien. Wie konnte nun der 17jährige Clemens Setz Trost finden in Houellebecqs Masterpiece? Setz zitiert aus dem Buch: „…er litt vermutlich darunter, aber das ist schwer zu sagen, denn er sprach tatsächlich immer seltener. Er errichtete kleine Altäre aus Kieselsteinen, Zweigen und Krebspanzer; dann fotografierte er sie in flach einfallendem Licht“. Dazu schreibt Setz: „In Bildern wie diesem wollte ich mich am liebsten einrollen und friedlich einschlafen“. Ich begann zu verstehen.

Beim Lesen dieser Rezension bleibt ein so ganz anderer Eindruck zurück, als beim Lesen der Mulisch-Kritik. Warum? Vielleicht weil Clemens Setz und ich ungefähr gleich alt sind, vielleicht aber auch eher, weil Setz sich nicht scheut, sehr persönlich zu werden. Er versteckt sich nicht hinter Floskeln, er legt sich offen, und kommt doch nicht vom Thema ab: der Besprechung eines nicht ganz unwichtigen Romans.