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The kids are sick again, nothing to look forward to.

Tag: Fleetwood Mac

Wild Boys Never Lose It

(Holly:) Nehmen wir an, Simon Reynolds hat Recht mit seiner Retromania/Hypnagogic-These. Dann stellt sich die Frage: was bzw. wer sorgt nach dem Fleetwod Mac-Hype[1] als nächstes dafür, dass der gemeine Hipster sich wieder so wohl und sorgenfrei fühlt wie damals mit 3 Jahren?

Mein heißer Tip: Duran Duran! Klingt absurd? Immerhin hatten Nick Rhodes, John Taylor, Roger Taylor, Andy Taylor und Simon LeBon schon 1983 die pfiffige Idee, Nile Rodgers zur musikalischen Hilfe zu rufen. Auf die Idee sind Daft Punk erst 30 Jahre später gekommen…gut, dieses Argument mag hinken, aber die Tatsache, dass „Random Access Memories“ so unanständig erfolgreich ist, scheint nicht nur Daft Punks noch viel unanständigeren Marketing-Maschinerie, sondern eben auch dem Rodgerschen Sound zuzuschreiben zu sein. Und ebenjener prägte schließlich auch „The Reflex“, „Wild Boys“, „Notorious“ und „Skin Trade“.

Doch die Tatsache, dass der Rodgers-Sound sowieso gerade wieder gut zu gehen scheint, wäre nicht das einzige Argument für die Eignung Duran Durans als „Next Big (Old) Thing“. Ein Retromania-Hype funktioniert nicht allein über die Musik, die wiederentdeckte Band muss schließlich auch fashionable sein. Der Look der späten Fleetwod Mac eignet sich ganz prima zum Nachtragen in Kreuzkölln. Auch Duran Duran ist eine Band, die vor allem in ihren Anfangszeiten viel Wert auf ihren Look gelegt hat. Modisch würden wir also wegkommen von dem folkloristisch-romantisch-verspielt-aufreizenden, hin (bzw. zurück) zu mehr sharpness und Dekadenz.

Gegen ein Comeback von DD könnte ihr Image als (vermeintlich) „just another 80s PopAct“ sprechen. Zu unrecht: Duran Duran waren kein „Projekt“, sondern eine Band – im Gegensatz zu etwa Spandau Ballett mit ausgeprägter Live-Orientierung. Zwar mag Nile Rodgers bei der Produktion nachgeholfen haben, das Songwriting hat überwiegend gemeinsam stattgefunden und wurde entsprechend als „Taylor, Taylor, Taylor, Rhodes, LeBon“ credited.

DD mögen von MTV und dem Aufkommen des Musikvideos übermäßig profitiert haben, vor allem die Ästhetik von “Rio“ hat das Bild einer vom Luxus degenerierten, arroganten Schnöseltruppe gezeichnet. Auch dieses Image tut der Band, die ja musikalisch unüberhörbar in den 70er Jahren sozialisiert wurde, unrecht. Als ihr Debütalbum 1981 erschien, waren Andy Taylor und Nick Rhodes, die beiden Gründungsmitglieder, 19 und 20 Jahre alt. Die Musikindustrie erwuchs in ungeahnte Höhen und hatte ein paar extrem vielversprechende unerfahrene Schulabgänger vor sich – die, im Gegensatz zu den meisten anderen britischen Pop-Acts der gleichen Zeit – sogar ohne Schwierigkeiten den amerikanischen Markt eroberten. Das eigene Image dabei unter Kontrolle zu halten, ohne etwa zu Wissen, wieviel Einfluss ein Musikvideo, das auf MTV in der Heavy Rotation läuft, haben konnte, wird kaum möglich gewesen sein.

Ein weiteres Argument für die Rückkehr von DD: es gibt sie noch in (wieder) Originalbesetzung. Und sie bestreiten respektable Konzerte. Und selbst das Spätwerk („Ordinary World“!) ist mittlerweile alt genug um von jenen, die, als The Wedding Album 1993 geradezu bleiern in den Charts festhing, mitten in der Pubertät steckten, erstaunt als lupenreiner Popsong anerkannt zu werden.

Soviel zu meiner Prognose. Wenn es nicht Duran Duran werden, dann Wham. Doch dazu kommen wir ein andernmal. Offensichtlich wird es aber eh noch ein bisschen dauern – während ich diese letzten Zeilen tippe, spielt Flux.Fm Stevie Nicks’ „Edge of Seventeen“. Fleetwod Mac ist noch nicht ausgereizt.


[1] Womöglich tut man Fleetwod Mac unrecht, wenn man die ihnen gegenwärtig entgegengebrachte Aufmerksamkeit schlicht auf einen hypnagogischen Effekt zurückführte. Tatsächlich kann ich auf dem Weg ins Büro immer noch fünf mal hintereinander „Sara“ hören, ohne Abnutzungserscheinungen. Ist das nur Regression oder zeugt es doch von einer universalen, ahistorischen Qualität von Tusk?

The Learning Curve

(Luc) Wie sieht ein Abend so bei uns aus? Wenn wir nicht gerade Simon Reynolds‘ krude Thesen über die Rückbezüglichkeit des Pop diskutieren, hängen wir natürlich im Netz rum, blättern in Magazinen oder wählen uns durch die ganzen Radiostationen im Internet. Manchmal steigen wir auch in die Zitathölle ab, dann lässt Holly irgendwo „Life in a Northern Town“ fallen und plötzlich werden Dream Academy ein abendfüllendes Thema. Im Grunde geht es dabei immer um das gleiche Thema: aus welchen Gründen finden wir bestimmte Musik gut und andere grottig? Und da Geschmack keine gültige Kategorie ist, gilt es, passende Gründe zum Bauchgefühl zu finden.

„Life in a Northern Town“, ein Stück aus dem Jahre 1985, das man fürs gleiche Geld großartig oder abartig finden kann. vor allem wegen dem Chorus, der mir zwar als kleiner Erdenbürger mit großem Popgedächtnis gut reinging, aber mit zunehmender Geschmackssicherheit mindestens fragwürdig ist. Nun, ich entscheide mich dafür, ihn trotz des E-O-Ma-Ma-Ma den erhobenen Daumen zu geben, alleine schon dafür, dass heute niemand mehr so expressiv und hook-besessen rumsingen würde. Zumal Gospel echt durch ist.

Vor allem aber steckt in dem Lied ein großer Widerspruch: der bombastische Chorus passt nämlich irgendwie so gar nicht zu dem zurückhaltenden Strophenteil. Ohne den Refrain, so wird beim wiederholten Hören deutlich, könnte „Life in a Northern Town“ nahtlos auf Sarah Records erschienen sein. Zwischen The Orchids, Field Mice oder Sea Urchins wären Dream Academy überhaupt nicht aufgefallen. Das Sarah-Label startete aber erst 1988, nachdem Indie schon reichlich etabliert war. In 1985 sollten C86 und The Smiths erst noch kommen. Für den üblichen Mittachtziger-Pop also zu speziell, für Indie jedoch zu früh. Sind Dream Academy also keine New Romantics, sondern Pioniere?

Das Video spricht dagegen. Während des Refrains sieht das ganz arg nach Selbsthilfegruppe aus, ansonsten ist das Video sehr Englisch und erinnert schon fast an China Crisis. Da will man sich doch gleich ins Tweedsakko kuscheln und Scones essen. Und wenn mans recht betrachtet, ist ein Dream Academy-Revival jetzt quasi unvermeidlich, vereint deren Look sowohl den Style Fleetwood Macs als auch Berliner Vollbärte.

Bleibt die Spannung zwischen der Twee-artigen Strophe und dem Paul Simon/Live Aid/Red Box-esquem Refrain. Zwischenzeitliche Hypothese: der Produzent hat den Refrain ins Lied geflanscht, weil ansonsten gar keine radiotaugliche Single auf der Platte gewesen wäre. Das war damals so gang und gäbe. Wer die Demo-Version von dem Riesenhit „Crash“ der Primitives kennt, weiß, dass das ursprünglich ein ziemlich holpriges Geschrammel war. Erst Paul Sampson, der Produzent, hatte die Idee mit dem jangly Gitarrenriff am Anfang und in der Bridge. Und weil die Primitives damals noch schlechte Musiker waren, hat Herr Sampson die Gitarre gleich selbst eingespielt.* Sowas vermutete ich bei Dream Academy also auch: ein zartes Grüppchen verschüchterter Klampfis wird vom geldgierigen Manager zu Hits verdonnert.

So spannt sich der Bogen von New Romantic, Gospel zu Indiepop und Räuberpistolen über Majorlabels. Gäbs kein Internet, könnte man mit dieser Legende gut leben. Leider aber hats Google und so holt einen die Realität schnell wieder ein. Der Song ist eine Hommage an Nick Drake, der es in kürzester Zeit geschafft hat, sich eine gigantische Psychose anzukiffen und daran auch gleich hopszugehen (mit 26 – für Weltruhm also ein Jahr zu früh). Dream Academy hattens nach drei Alben auch hinter sich. Der Sänger Nick Laird-Clowes allerdings veröffentlichte Ende der 1990er auf Creation – so ganz falsch lag ich mit Sarah also nicht!

* Inzwischen kann der Gitarrist das selbst, da konnte ich mich letztes Jahr selbst von überzeugen.