WTH?? (Teil 1): Hejo, spann den Wagen an

(Holly): In meiner frenetischen Lobhudelei über Hot Chip auf dem Dockville Festival erwähnte ich, dass mich nur ein Song aus dem aktuellen Album “In Our Heads” aus meiner beglückten Hysterie zu reißen vermochte, nämlich “Let Me Be Him”. Warum? Nicht etwa weil man sich in den ersten 20 Sekunden gefährlich an “Sky and Sand” der Gebrüder Kalkbrenner erinnert fühlt. Auch nicht wegen der Kinderlachen-Samples und dem Genesis’esken Backgroundgesang, nein es liegt schlicht an einem simplen gesanglichem Stilmittel welches mir bisher noch jeden Song kaputt gemacht hat: die hymnisch intonierte Lautfolge: “Eeh-Ooh” (wahlweise auch “ay oh” “eyo” oder einfach “eh eh”). Bei Hot Chip klingt das wie folgt: ”Ooh oh oh oh eeee-oh oho oh oh ohooo”. Und noch mal von vorne.

Es ist ja nicht so, als wären die Prinzen mit “Alles nur geklaut” die einzigen gewesen, die diesen musikalischen Frevel begangen hätten, aber gefühlt fing es damit an. Obwohl die Bangles mit “Walk Like an Egyptian” sogar noch sieben Jahre früher dran waren. Überhaupt war das “Ey-oh” ein nicht unübliches Stilmittel in den 80ern: davon zeugen unter anderem auch Gloria Estefan (“Rhythm Is Gonna Get You”) und Baltimora (“Tarzan Boy” – ein Grenzfall, zugegeben). Ein Blick in die gegenwärtigen Charts zeigt allerdings, dass diese Unsitte keineswegs an Beliebtheit verloren hat, sondern sich im Gegenteil ohrenscheinlich wachsender Beliebtheit erfreut: Taio Cruz (“Dynamite”), Lady Gaga (“Eh eh”), Shakira (“Waka Waka”) und nicht zu vergessen: Rihanna-you-can-stand-under-my-umbrella-ella-ella-eh-eh-eh! Da möchte ich gerne mit “Aaaaaahhhhhhh!!!!” antworten. Und dann wären da noch Nickelback und Santana mit “Into The Night”. Da hilft auch kein Rückwärts-Abspielen (vgl. Dave Grohl über Nickelback). Aber wer von Nickelback spricht, darf von Milow und “Ayo Technology” nicht schweigen.

Nungut, von den eben aufgezählten Interpreten kann ich mich freilich fernhalten, aber die Sache mit Hot Chip hat mich kalt erwischt. Natürlich bestreite ich nicht, dass averbales jodeln-im-weitesten-sinne ein wichtiges Ausdrucksmittel von  Akustikfolk bis Zeitgeistpop darstellt, ich verwehre mich auch nicht (immer) gegen ein leidenschaftliches “ooooohhooo” (wie zum Beispiel in der aktuellen Family of the Year – Single St. Croix), vielleicht sogar “hey oh”, aber “e/ay oh”, das ist die ultimative Absage an jedwede Leidenschaft, Kreativität und Melodie (vgl. auch The Fall and Decline of M83), das ist nonverbalisierte Hilflosigkeit. Die die Regel-bestätigende-Ausnahme steht aus, Hinweise bitte an tentativism@gmail.com.

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