tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Es muss nicht immer „Feist“ sein

Holly: Der graue November hat ein Pendant: den Februar, dessen einziger Vorzug darin liegt, dass er nicht so lang ist wie der November. Ansonsten ist er aber vor allem: kalt – und der ersehnte Frühling ist noch mindestens einen ganzen März und einen halben April entfernt. Die Abende sind also weiterhin lang und ein bisschen jammerig, ist man doch wieder mit weniger Elan ins neue Jahr gestolpert als erhofft. Für diese Abende präsentiere ich nun die passende Playlist. Melancholie ohne Kitsch, nie ohne Hoffnungsschimmer. Wem Feist und Kings of Convenience zu ordinär, „Moon Safari“ zu erinnerungsbeladen und Phoenix schon zu flott sind, dem sei hiermit hoffentlich geholfen: Keine Schmachtfetzen, kein Schmerzelegien, ein wenig Soul, etwas mehr Lakonie.

Als Referenzpunkt dieser Playlist fungiert Terry Calliers kleines Meisterstück „Ordinary Joe“. Callier verschied leider im Oktober 2012 und gehörte wohl unbestritten zu den großen Unterschätzten und Verhinderten der Musikgeschichte. Genreübergreifend wie Bill Withers mit deutlicher Chicago-Prägung war er immerhin 40 Jahre lang aktiv. Seine stille und etwas kryptisch-lyrische Hymne über den citoyen moyen ist zu zauberhaft um sie in ihre Bestandteile zu zerpflücken. Die vermeintlich leicht klingende Orgel vermag es nicht, über die Eindringlichkeit der erzählten Geschichte hinwegzutäuschen und so entsteht die einmalige Stimmung aus Tragik, Hoffnung und und Trotz. Unerreicht!

Dream Pop ist voll angesagt und in den einschlägigen Postillen wird Chris Rea rehabilitiert. Was aber ist mit „The Year of the Cat“, Al Stewarts Kassenschlager von 1976? Doch nicht der Titelsong und auch nicht das etwas zu dramatische „On the Border” passen perfekt zu unserem Referenzsong, sondern „Midas Shadow“. Auch hier bestechen die etwas weniger zackige Orgel und der lakonische Erzählton, wäre dieser Song ein Haarpflegeprodukt, es würde reinigen und pflegen ohne zu beschweren.

Erinnert sich noch jemand an Badly Drawn Boy? Vor ein paar Jahren, als bereits nicht mehr viele Hähne nach ihm krähten, und ich gerade in etwas zerrüttetem Zustand war, tauchte er wie ein Messias aus meiner Musikbliothek wieder auf, und siehe da, Perlen wie „Another Devil Dies“ und „Welcome to the Overground“ holten mich nach und nach, mit jedem Hören, ein bisschen weiter heraus, aus meinem von Seelenteufeln bevölkerten inneren Untergrund. In den letzten Monaten war auf Damon Goughs Facebook-Seite zu lesen, dass es ihm nicht gut zu gehen scheint. Das macht mich noch dankbarer und demütiger, und auch ein bisschen hilflos. In diese Liste gehört „Stone on the Water“. Mehr als die Hälfte des Songs besteht aus dem Intro, in dem melancholische Gitarren und ein nachdenkliches Klavier elegant mit lakonischen Gitarren kommunizieren. Und wenn man es schon nicht mehr erwartet, beginnt der Gesang. Keine Strophe, kein Chorus, genauso unvollendet wie das noch junge Jahr.

Roxy Music sind natürlich ein Fixstern im Tentativism-Universum und bedürfen hier keiner weiterer Lobhudelei. Bei „Avalon“ wird es Zeit, den Tee mit einem Schuss anständigem Rum anzureichern. A propos Rum: ich vermute Van Morrison bevorzugt irischen Whiskey, aber abgeneigt war die alte Saufnase Hochprozentigem im Allgemeinem wahrscheinlich nie. Mir vorzustellen, dass er circa knappe 23 war als er das magische „Moondance“ schrieb, das beeindruckt mich immer wieder sehr. Ich kenne ein paar Jungs in dem Alter. Im Trinken sind die zwar auch alle gut, aber Songs schreiben tut da keiner. Eignet sich übrigens auch gut für Karaoke, selbst für Frauen (die gern irischen Whiskey trinken).

Und täusche ich mich, oder ist nicht nur Chris Rea sondern auch Fleetwood Mac wieder im Trend (siehe oben)? Neulich lief „Go Your Own Way“ tatsächlich in diesem Studentenschuppen an der Bahnhofsmeile. Und dann das Hot Chip Live-Cover von „Everywhere“, geniale Wahl. Mir egal, ob’s Trend ist, Fleetwood Mac gehörte bei mir zum frühkindlichen Musikerziehungsprogramm und sorgt deshalb für wohlige Nostalgie. „Sara“ passt nicht nur gut aufs abendliche Sofa, sondern eigentlich besser ins Auto, auf jeden Fall toll. Dramatisch und trotzdem abgeklärt. Und doch so dringlich.

„Suburban Light“ von The Clientele war das erste Album, das mir Luc geschenkt hat. Das macht es für mich besonders, aber unbestritten eignet es sich auch sonst hervorragend für Stunden zwischen wohligem Rückzug, Zweifel, Verdruss und Optimismus. Einfach durchhören, oder passend zum Wetter „Rain“ auf Repeat stellen. Schmachten. Und Rum nachschenken. Ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Zum Beispiel neulich, im Silvester-Urlaub. Am letzten Tag des letzten Jahres traditionell das Konzert-Programm auf 3Sat verfolgt. Am nachmittag das Wieder-Wieder-Vereinigungs-Konzert von Simon & Garfunkel in New York 2004. Ich versuch noch cool zu bleiben, immerhin sitzt Luc neben mir, aber dann doch wieder Gänsehaut und brennende Augen bei der dritten Strophe von „Sounds of Silence“. Faszinierend, aber zu kitschig für den hier verfolgten Zweck. Stattdessen perfekt: „Fifty ways to leave your lover“.

Möglicherweise beschäftigt sich ein zukünftiger Beitrag dieses Blogs mit Songs, die zu kurz geraten sind. Der letzte dieser Playlist gehört dazu: Tim Hardins „Reason to believe“. Irgendwann muss ich in Ruhe darüber nachdenken, ob ich es schal finde, Musik zu hören von Menschen wie Hardin, Nick Drake oder Elliott Smith, die ja fast Jesus-artig zu empfänglich waren für ihren Schmerz und den Schmerz der Welt, es trotzdem schafften, ihn auf tragisch-schöne Weise produktiv zu wenden, und dennoch daran zugrunde gingen. Andererseits sollte es doch darum gehen, das künstlerische Werk losgelöst von der Person des Künstlers zu würdigen. „Reason to believe“ ist der Inbegriff der resignierten Liebe, aber auch resignierte Liebe ist eben immer noch, was sie ist.

So. Damit dürfte der Februar ein bittersüßes Vergnügen werden. Und demnächst hier: Holly’s Best-of-Spring-List!

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Where On Earth Is Kevin Shields?

(Luc) Wir sind zu nörgelig hier bei tentativism? Hier zur Abwechslung blindes Fantum und völlig kritikloser Hype! Obige Überschrift war einst (1999) Titel einer Platte der Band P.S. I LOVE YOU. Er sprach ziemlich vielen aus der Seele, denn man befürchtete, er liege im Crackrausch unter einer Londoner Brücke oder ist nach 5 Tagen, an denen er denselben Akkord durchspielte, plötzlich tot umgefallen. Heute wissen wir dank Internet mehr, aber bringen tuts uns eigentlich nichts. Wenn sich aber alles bewahrheitet, dann ist Ende Dezember zwar nicht die Erde vorbei, dafür aber die Geschichte der Rockmusik, denn Kevin Shields hat tatsächlich nochmal bekräftigt, dass „sie“ noch dieses Jahr rauskommen soll. Wir wissen alle, wie oft er das gesagt hat, aber alleine die Vorstellung, dass MY BLOODY VALENTINE im Studio Musik produzieren, hat bei mir ungefähr den gleichen Effekt wie Meeresrauschen oder Waldbilder bei anderen. Eine große Rolle spielt dabei, dass ich mir dann einbilden kann, sie würden deswegen ein paar Konzerte spielen, zu denen ich dann auch hin kann (2008 war ich verhindert, Tokio bzw. Melbourne 2012 ist mir doch zu weit). Ich kann nicht verstehen, wieso nicht jeder Mensch mit ein wenig gutem Musikgeschmack sich nicht wünscht, sich bei einem Konzert von MY BLOODY VALENTINE von seinem oder ihrem Gehör zu verabschieden – am besten, wenn das letzte, was man gehört hat „From Here Knows When“ ist. Aber ich verstehe auch Cargohosen, Bubble Tea oder Frauen mit Schirmmützen nicht. In jedem Fall wäre dann erstmal das letzte Wort in Sachen „Shoegaze“ gesprochen, nachdem der Begriff in den letzten Jahren komplett von Sinn befreit wurde, aber dazu ein andermal. Und überhaupt: Herr Shields soll zudem noch bei der neuen PRIMAL SCREAM mit dabei sein. Stellt euch mal vor: XTRMNTR Teil 2! (Im Jahr 2000 wußten wir natürlich, wo sich Kevin Shields im Jahr zuvor rumtrieb).

Und jetzt stellt euch nur mal vor, BOARDS OF CANADA würden nächstes Jahr…

Woman, Woman

(Holly:) Puh, eigentlich sollte an dieser Stelle eine „Es muss nicht immer Feist Sein“-Playlist mit feinsinniger entspannter Musik vorgestellt werden. Diese wurde dann, bevor der Text überhaupt geschrieben werden konnte, traurigerweise zur Terry Callier-Gedächtnis-Playlist. Doch dazu später mehr.

Holly hat wieder Zeit für die ZEIT! Spannende Themen diese Woche: Hausfrauen (Titel) und Schönheitswahn (Dossier)! Nachdem sich letzte Woche das ZEIT-Magazin schon mit einem empfehlenswerten Beitrag über Pädophilie hervorgetan hat (zudem man lieber nicht die Kommentare auf der ZEIT-Magazin-Facebook-Seite lesen sollte, es sei denn man plant just einen Amoklauf oder sonstige Anschläge aller Art), diese Woche also mehrere Beiträge zum gefährlichen Lebensmodell Hausfrau. Julia Friedrichs dokumentiert die Lebensrealität von (Haus)frauen in Zahlen: „70 Prozent der Niedriglöhner sind Frauen. 97 Prozent der Vorstandschefs der börsennotierten Unternehmen sind Männer. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, jede Dritte ist arm, hat also weniger als 1015 Euro im Monat, um sich und ein Kind zu versorgen. Das verfügbare Durchschnittseinkommen von Vätern dagegen steigt nach einer Trennung.“

Prima, dass die Koalition sich letzte Nacht so viele Gedanken gemacht, wie mit dieser Situation adäquat umzugehen ist! Im Hauptteil der ZEIT lobt dann Frau Rückert das Modell Hausfrau als Lebensmodell, welches sich gegen ein neoliberales Rattenrennen richte –  und glorifiziert die mächtige Position der Hausfrau in der vorindustriellen Gesellschaft. Ein paar Seiten später heißt es im Dossier: „Für eine Umfrage der Frauenzeitschrift Petra wurden im vergangenen Jahr 1000 Frauen gefragt, ob sie zehn Punkte ihres Intelligenzquotienten opfern würden, wenn sie dafür einen Schönheitsmakel ausgleichen könnten. Fast drei Viertel der Frauen antworteten mit Ja.“

Das alles ist ganz schön kompliziert. Das Hausfrauen-Modell als Gegenentwurf zum spätkapitalistischen Konkurrenzkampf zu erheben, kommt mir perfide vor. Sabine Rückert ist übrigens neuerdings stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT – Pro-Quote.de feiert das als Erfolg und sieht sich dafür deutlicher Kritik aus den eigenen Reihen ausgesetzt. Zu Recht? Es wird immer komplizierter. Ich hätte so gerne noch 10 IQ-Punkte mehr, dann könnte ich zu alldem vielleicht etwas Konstruktives beitragen. Im Moment bin ich einfach nur verwirrt, ich kann mich einfach nicht entscheiden, was an mir makellos genug ist, um es gegen mehr Intelligenz einzutauschen…

Also mache ich mich lieber an den Text zur Playlist: als zum Thema passenden Vorgeschmack empfehle ich Johnny Bristol: Woman, Woman

The Fall and Decline of….(Teil 2): Santigold

(Luc) Ich gebe zu, ich höre anfangs nie so genau hin. Eine Hookline, eine gute Idee im Song reicht, um mich auf seine Seite zu ziehen. Erstmal begeistert, fällt es schwer, mein Urteil zu revidieren. Sowas will man sich ja nicht eingestehen, stattdessen will man stilsicher sein: Bei den ersten Tönen mit Bestimmtheit „cooler Scheiß“ ausrufen zu können. So geht es den meisten im Popuniversum.

L.E.S. Artistes ist halt auch ein gutes Lied. Wie der Bass die Strophe begleitet und besonders, wie der Break zum Refrain den Beat vermissen läßt, so dass die Wall of Sound etwas verzögert reinkommt. Ja, an solchen Kleinigkeiten trennt sich guter Pop von Rock und Techno. Ich hatte mit die 12″ („I Believe in Santogold“) sofort besorgt, mit „Creator“ auf der Flipseite, alles in Butter, ich war zu bedingungslosem Fantum bereit.

Bis ich die ersten Interviews las. Mir stieß da schon die Story SANTIGOLDs bitter auf. Sie kommt mit einer Familientragödie im Gepäck nach New York, wo sie aber statt künstlerischer Befreiung nur Hipstertum bekam. Und sie biß sich durch, um es am Ende der Szene auf der Lower East Side mit diesem Song heimzahlen zu können. Dabei war 2008 die Lower East Side bereits so hip wie München-Schwabing. Da zogen bereits die Horden mit Hipsterbärten nach Williamsburg, um dort die alteingesessene (jüdische) Bevölkerung wegzugentrifizieren. Die Avantgarde wohnt in Brooklyn, in Manhattan gibts nur Carrie Bradshaw und Moby. Da gegen die Lower East Side zu feuern, während man selbst in Brooklyn die Künstlerin raushängen läßt, ist etwas billig.

Viel schlimmer fand ich aber die heldenhafte Pose Frau Whites. Ich saß einer Fehlinterpretation auf. Das Album fand ich sehr unterhaltsam: Clubtaugliches, Tracks fürs homelistening, „I’m a Lady“ fand ich schön ironisch und auf „Unstoppable“ keckert sie wie ein Wellensittich. In Interviews hingegen betonte sie jedoch immer wieder, wie wichtig es sei, gut zu sein. Nicht nur hip zu sein (das können alle), sondern auch Qualität zu haben. Da dachte ich: holla. „Gut sein“ ist ein Kriterium, was heutzutage nur noch in Castingshows ernsthaft als Bewertungskriterium herangezogen wird. Die Zeiten sind echt vorbei, in denen wir Musik hörten, weil sie von „guter Qualität“ ist (leider kommen solche reaktionären Standards wieder häufiger vor: GRIZZLY BEARs neue Platte verzückte einen Kritiker auf Radioeins (RBB), weil sich der Rhythmus zwar ganz einfach rüberkommt, aber wenn man genauer hinhöre, man merkt, dass der doch schon ziemlich vertrackt ist, was man aber eigentlich nur hören kann, wenn das Ohr etwas Jazz-geschult sei…).

Und es geht um „Toughness„. Oh mein Gott. Hier werden dann echt die ollsten Attitüden der Hip-Hop-Historie rausgekramt, die vielleicht Anfang der 80er in der South Bronx noch verständlich waren, aber nicht im Brooklyn der 2000er. Diese grunddarwinistische Haltung, nach der man im „Battle“ bestehen muß und man nur mit Toughness in der Härte der Stadt überleben kann, kotzte mich schon immer an. Ständig seine Qualitäten vor sich her tragen zu müssen und Härte zeigen – das ist schon im Alltag eine verachtenswerte Eigenschaft. Die will ich nicht noch in meiner kulturellen Freizeit vorgekaut bekommen. Und so blühte mir dann irgendwann, dass SANTIGOLD die neoliberale Ideologie auf popkulturellem Terrain repräsentiert. Humorlosig, Egozentrisch und wettbewerbsgetrieben: das vereint Investmentbanking, Triathlon und SANTIGOLD. Die 12″ habe ich gottseidank wieder abstoßen können.

Und heute? In einem Interview zur neuen Platte erzählte sie, wie Dave Sitek (von TV ON THE RADIO) sie an eine Meditationslehrerin in Indien vermittelt habe, die schon ganz vielen Rockstars geholfen hätte. Und das sei ja so cool gewesen, weil die ja die ganzen Stars nicht kenne und ihr das auch egal sei, aber ihr (also SANTIGOLD) hätte das ja so geholfen, sich wieder zu fokussieren… Also, nichts gegen Meditation, aber das ist natürlich typisch für die neoliberale Klasse: Erst mit ihrer nervigen Attitüde der Umwelt möglichst viel auf den Sack gehen, um dann mit Yoga und Meditation wieder zum inneren Kern zurückzufinden. Obwohl: die meisten nutzen das sowieso als professionelle Entspannungstechnik im Rahmen konstanter Selbstoptimierung. So kann man „die letzen paar Prozente noch rauskitzeln“, um noch widerstandsfähiger und noch besser zu sein.

„Das hat der sich doch nur ausgedacht!“

als Hiltrud das erste und einzige Mal diese Wohnung betreten hat, fand sie es nötig, die Arbeiten auf dem Fußboden mit strengem Blick zu mustern und dann in pikiertem Tonfall zu erklären: „Ich weiß nicht, für wen so etwas gut ist. So eine Kunst. Wer so etwas anschaut – ich mag ja nun auch moderne Sachen, Chagall oder Magritte, abstrakte Malerei, aber meine Freundin Martina, die ein Geschäft hat, in dem auch Kunst verkauft wird, Postkarten, Drucke, sagt immer: Ein Künstler muß uns Freude machen, sonst ist er kein Künstler.“ Dietmar Dath, Dirac

(Luc) Aufmerksame Leser werden sich erinnern: im Sommerloch meldete sich Holly zur Besprechung von Houellebecqs „Elementarteilchen“ durch Clemens Setz zu Wort. Dort wurde schon deutlich, dass Setz sich in seiner Interpretation von der herrschenden Lehre absetzt: sowas wie Houellebecq kann angesichts des Zynismus nicht schön zu lesen sein. Jetzt hat Setz durch die Veröffentlichung von „Indigo“ den Wanst selbst in Schußhöhe.

Der Vorwurf, Houellebecq wäre zynisch, erhebt den Anspruch an Literatur, dass sie vornehmlich Trost spenden soll. Der Griff zum Buch soll erheitern oder ablenken – zuallermindest scheint es legitim zu sein, Werke dafür zu kritisieren, dass sie dies nicht tun. Dazu kommt bei Houellebecq, dass bei ihm deutlich wird, dass es Fiktion ist. Im Englischen redet man von „Fiction“, auch wenn es sich um einen Jugendroman handelt. Damit wird deutlich, dass es eben erfundene Geschichten sind. Erfundene Geschichten sind jedoch nicht beliebt, erst recht nicht, wenn sichtbar ist, dass sie erfunden sind.

Authentizität ist hier der Kampfbegriff, der „das Gute“ mit „dem Echten“ zusammenbringt – hier treffen sich dann auch die ganzen „Manufakturen„, in denen das Handwerk glorifiziert wird, mit vielen Anhängern der Singer/Songwriter. In dem Genre finden wir den Typus des „Liedermachers“ selten. Warum? Weil er politisch ist. Der Singer/Songwriter ist aber apolitisch: er singt und klampft über das Leben als solches, seins in speziellen und eigentlich aber über jenes von uns allen. Bob Dylan und Michael Stipe mag man, bei aller Grausligkeit ihrer Musik, anrechnen, dass sie dieses Identifikationsbedürfnis stören, indem sie ständig betonen, dass sie sich das alles komplett ausgedacht haben. Der Singer/Songwriter denkt sich aber nichts aus, denn er singt über das „echte Leben“.

Das gilt auch für das geschriebene Wort. In einer Zeit, in der Literatur als Lebenshilfe mißbraucht wird, können Autoren nur dann punkten, wenn sie genügend Identifikationspotenzial für die Leserschaft bieten. Je mehr desto besser. Mit Houllebecqs Figuren will sich aber niemand identifizieren. Die ultimative Kapitulation vor den Verhältnissen wird in den Sippenromanen des 21. Jahrhunderts geliefert. Hier kann man sich nicht nur schön in die Personen reindenken, sie kreisen sich auch schön übersichtlich um ein archaisches Mikrouniversum der Familie. Den zerfallenden Dynastien der westlichen Gesellschaften werden damit noch schnell kulturelle Denkmäler gesetzt, die sie „larger than life“ machen sollen.

(Jetzt wirds intellektuell) Diese Tendenzen der Alltags- und Familienprosa spiegelt eigentlich genau das wider, was damals bei Adorno & Horkheimer über das Hollywoodkino geschrieben wurde. Auch die Literatur, die in die Charts will, muss attraktive Persönlichkeiten, einen klaren Ablauf und viel Emo drinhaben. Den Plot sollte man nach Möglichkeit nicht als Konstruktion erkennen. Sowas wie „Indigo“ von Clemens Setz steht dem komplett entgegen. Und weil es sich so vehement von der Vorherrschaft des Eskapismus, des Cocoonings absetzt, reagiert das Establishment (hier in der Form des SPIEGELS) mit einer bekannten Strategie der Ausgrenzung: sie macht sich drüber lächerlich, indem es das Buch als „Mumpitz!“ abkanzelt. Erstaunlicherweise macht die FAZ da nicht mit sondern empfiehlt das Setz’sche Werk geradezu.

„Postmodern“, wie die FAZ es charakterisiert, ist allerdings nicht das passende Attribut für solche Bücher. Es gehört ja geradezu zum Kern der Moderne, sich Utopien, Fiktionen, vor allem bessere Welten zu denken. Inzwischen ist aber die Kohorte zeitabovollzahlerreif, die die letzten 15 Jahre mit verblödender Alltagsprosa ihre literarische Kinderstube bestritten haben. Sie ist deswegen verblödend, weil – so zeigt die Kritik – Leser von fiktionalen Konstruktionen scheinbar zunehmend überfordert sind. Es scheint, als ob es den Leuten immer schwerer fällt, mit alternativen Welten, multiplen Realitäten umzugehen. Es gibt nur eine Welt, und an der wird Kultur gemessen, wenn sie nicht gerade als SF oder Trash durchgehen will. Das über-die-aktuellen-Verhältnisse-hinausgehen war jedoch im 20. Jahrhundert der Inbegriff jeder modernen Kunstauffassung. Auch das ist wieder bei den ollen Frankfurtern nachzulesen. Ungefähr zeitgleich begann ja auch die Rezeption von Musil, quasi das Manifest des modernen Weltbezuges in der Literatur. Heute finden wir das in offensiver Form u.a. bei Dietmar Dath, der angesichts der Dummheit der Verhältnisse stets gezwungen zu sein scheint, darauf hinzuweisen, dass Fiktion als solche essentiell ist. Denn wer es schon beim Lesen nicht schafft, über die Verhältnisse zu sehen, der schafft es auch nicht politisch. Wenn Trost allerdings die Hauptfunktion von Literatur ist, kapituliert sie vor den Verhältnissen, die den Menschen so frustrieren, dass er es ohne Trost nicht mehr in ihnen aushält.

Gelungene Covers #2: John Frusciante

(Holly.) Luc hat endlich die Kategorie „gelungene Cover-Versionen“ eröffnet, das reißt auch mich aus meiner Schreibstarre! Wobei die Schreibstarre vor allem einem besonders hartnäckigen Broterwerbs-Projekt geschuldet ist. Ebenjenes Projekt kostet mich derzeit beträchtlich Nerven und Aufmerksamkeit, und zwar in dem Maße, dass ich seit einigen Tagen nur noch einen nicht weiter namentlich zu nennenden Radiosender ertrage, der garantiert keine nach 1989 aufgenommene Note sendet, jedoch seine Heavy Rotation durchaus auch mit weiter zurückliegenden Jahrzehnten befüllt (ich rede nicht von Klassik-Radio). Klingt grenzwertig, aber der Zweck heiligt momentan die musikalischen Mittel, und „Why Can’t this be Love“, „Life is for Living“ und „Wuthering Heights“ sind da auf wundersame Weise zuträglich.

Zwischendurch läuft auch mal Cat Stevens und das erinnert mich an eine frühe romantische Phase meiner Jugend, als ich meinen ersten Liebeskummer in „Nights in White Satin“ aufweichte und „Morning has broken“ und „Killing me softly“ zum Pflichtrepertoire im Musikunterricht gehörten. Zurück zu Cat Stevens, wegen meiner Jugend kann ich den jetzt nicht mehr unbeschwert genießen, aber mir fällt auf, dass mir seine Stimme doch irgendwie gefällt, ja vielleicht sogar ein wenig fehlt, ab und zu. Und damit bin ich bei meiner gelungenen Cover-Version, wenngleich sie als Live-Darbietung ein bisschen aus der Kategorie fällt. Im Jahr 2007 singt der dieses-Mal-wohl-für-immer-Ex-Red Hot Chili Peppers-Gitarrist John Frusciante eine Solo-Version von Cat Stevens „How Can I Tell You“. Wäre da nicht das eher zeitgemäße Konzertgejohle im Vordergrund der Youtube-Aufnahme, man würde schwören, es wäre Mr. Stevens selbst, der da singt. Und nicht nur das, der Auftritt gehört mit zum Herrzerreißendsten, was ich je auf Youtube finden konnte. Jemand schrieb mal treffenderweise zu einem der ersten von Johns Solo-Konzerten, Frusciante auf der Bühne erinnere an einen Welpen, der sich vor Aufregung selbst anpinkelt.

Vermutlich fehlt mir nicht Cat Stevens Stimme, sondern John Frusciante, der für alles steht, was je gut war an RHCP (abzüglich dem Part, für den Rick Rubin verantwortlich war). Ein Genie, ein Musikverrückter, eine für diese Welt vermutlich viel zu empfindsame Seele. Die Schmerzintensität und Melancholie in Frusciantes Musik erinnern zwar an Elliott Smith, dennoch ist da immer auch dieser Lebens- und Liebeshunger und die positive Kraft, die Californication zu einem der beeindruckendsten Alben der neunziger Jahre gemacht haben. Ich bin zu zwei RHCP-Konzerten gegangen, weil ich die Momente des improvisierten Zusammenspiels von Flea und John Fruciante geliebt habe, glücklicherweise gehörte zu diesen beiden Konzerten auch das Hamburger von 2003, bei dem Michael Rother später auf die Bühne kam. Leider war ich damals noch ein wenig zu jung, um die Bedeutung dieser Zusammenkunft tatsächlich wertschätzen zu können.

Frusciantes Ausstieg aus der Band, die zunehmend keine Band mehr war, sondern ein Showzirkus, war konsequent. Auf dem letzten RHCP-Album scheint, wie sogar die ZEIT schrieb, etwas zu fehlen „dort, wo die Musik ihre Seele haben sollte“. Frusciante hat sich selbst durch seinen Buddy Josh Klinghoffer ersetzt, der seine Sache sicher gut macht. Er selbst macht inzwischen Elektro und nimmt Alben mit RZA auf – und das scheint nur eine weitere logische Konsequenz seiner allumfassenden, existentiellen Liebe zur Musik zu sein.

Gelungene Covers # 1: Torre Florim

(Luc) Wir alle wissen: mit Coverversionen ist das so eine Sache. Ähnlich wie ein Remix, macht ein Cover fast immer aus einem guten Song einen mittelmäßigen Abklatsch, wohingegen ein Remix oder Cover ein schlechtes Lied selten gut macht. Man kann also beim Covern viel verlieren und nur wenig gewinnen. Ich kann jede junge Band verstehen, die, auf der Suche nach dem eigenen Sound, sich erstmal an der Popgeschichte abarbeitet. Aber öffentlich? Das kann schnell peinlich rüberkommen, wenn man mit voller Inbrunst einen Song darbietet, in dem gar nichts von einem selbst steckt. Die Zeiten von Elvis sind lange vorbei. Ironie kann funktionieren, wenn man den Humor hat –  wenn man keinen hat, kommt dabei sowas albernes raus wie SENOR COCONUT oder NOUVELLE VAGUE.

Zwischendurch tauchen allerdings Perlen auf und natürlich bemächtigen wir uns auch auf Tentativism diesem beliebten Kneipenthema. Gerade frisch erschienen ist diese schöne Sache: 

Florin macht sich den Hit völlig zueigen, dunkler und „eerier“ als das Original jemals sein konnte. Und das alles geplant. Ganz groß.

Wenn nur genug Leute dächten, dass Torre Florim, dem Namen nach zu urteilen, aus Skandinavien käme, wäre ihm Ruhm und Ehre sicher. Aber er kommt aus Nijmegen und holländische Popmusik hat immer noch einen schweren Stand, obwohl dort seit Jahren ganz gute Sachen passieren. Wie z.B. DE STAAT, das frühere Projekt von Florim. Aber zur Lage des holländischen Pops dann später mehr.

We had crazy fucking times till her visa card expired.

Leichtfertig vergebene Chancen #1: mclusky

(Luc) Die Nadel fällt in die Rille, ein wenig leichtes Knistern, abgelöst von schnellen Sechzehnteln auf der geschlossenen Hi-Hat. Plötzlich macht es Rums und schlagartig setzt der hektische Gesang ein, als ob Mr. Chapple auf der Flucht wäre. Aber schnell wird klar: der Mann hat Brass. Und zwar auf so ziemlich jeden. Spätestens bei „Collagen Rock“ hat dann auch jeder verstanden: dem Mann möchte man nicht im Dunkeln begegnen.

It’s easy to say now, their trainers seemed fine and their hair was a fucking delight.

Ich kam per Zufall zu mclusky. „Adam was a Cowboy Killer“ fiel mir in der Singlekiste im gut sortierten Kölner Plattenladen aus zwei Gründen ins Auge: 1) sie war auf „Too Pure“, 2) ich wollte wissen, ob Adam, oder gar Teile von mclusky Mitglieder der alten walisischen Punkband COWBOY KILLERS war. Nach der Hälfte des Songs war mir das völlig latte. Ich hörte das böseste, zynischste, fuckyouste, was mir seit Jahren zu Ohren gekommen ist. Eine Woche später lief ich mit „Mclusky Do Dallas“ nach Hause, setzte die Nadel in die Rille und Mr. Chapple brüllte mir von seiner Flugangst aus den Boxen, als ob ich dran Schuld wäre.

My band is better than your band, we take more drugs than a touring funk band.

Mclusky waren keine „richtige“ Punkband. Sie waren auf Too Pure, ließen sich von Steve Albini produzieren und traten nicht ständig in besetzten Häusern auf. Wenn mich aber jemand fragt, was Punk der Musik gebracht hat, dann sage ich: Energie. Ohne DISCHARGE, VARUKERS, TERVEET KÄDET, oder der Unzahl an japanischen Hardcore-Bands würde sich weder Metal, Rock oder Techno so anhören, wie es das heute tut. Und wenn Liam Howlett mit „Faust hoch und ab nach vorne“ beschrieb, was den PRODIGY-Sound ausmachte, dann meinte er genau das. Und das ist es auch, was mclusky ausmachte, in deutlich besserer Qualität als PRODIGY natürlich.

If there’s no new wave then there’s no fun.

2004 spielten mclusky in Potsdam. Ich hing mit einem Freund nachmittags im Flughafen Tempelhof rum, diesmal aber nicht, um beim Air-Snack ein Eibrötchen zu essen, sondern wegen einer zutiefst hippen Veranstaltung: Music for Airports. Das hatte zwei Gründe: 1) es war nur zehn Minuten entfernt, 2) es traten ISAN auf. Letztere – regelmäßige Leser von tentativism werden es wissen – stehen hoch in meiner Gunst. Ich sass also auf der abgenudelten Auslegeware des alten Restaurant des Tempelhofer Flughafens rum, schaute mir das durchaus angenehm gemischte Publikum an, fragte mich, ob Thomas Morr wieder zugenommen hatte und klönte mit besagtem Freund rum, während hinter der Landebahn langsam die Sonne unterging. Eigentlich ganz fluffig. ISAN hatte ich schonmal gesehen, waren nicht so toll wie damals, was aber auch an der Neonbeleuchtung und den unablässig tratschenden Publikum lag. Naja, es war noch genug Zeit, um nach Potsdam ins Waschhaus zu fahren, aber auf der anderen Seite war ich schon den ganzen Nachmittag popkulturell unterwegs, und irgendwie war im aviatischen Elektronikhimmel alles so friedlich, da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob mir mclusky nicht tatsächlich den Abend verderben würden.

I only want a video or photograph of that time you knocked my sister over.

Überhaupt: die hatten gerade mal ihre zweite Platte draußen. Die waren grad erst am Anfang, die würden noch ein halbes Dutzend Platten und Touren machen. Keine Eile, meine Chance kommt noch. Hmm, geschissen. Der Mond hat im neuen Jahr noch keine ganze Füllung gehabt, da schickten die Helden aus Wales schon ihre Auflösungserklärung durchs Weltnetz. Scheinbar konnten die sich wirklich selber nicht ausstehen. Der Verlust wurde erst später offensichtlich. Da wurde klar, dass denen wenig das Wasser reichen konnte. Das wußten inzwischen auch andere, die Vinyl-Ausgaben von „mclusky Do Dallas“ wechselten für knappe 100 Euro die Besitzer. Ich schwelgte 2008 noch einmal einige Wochen in den drei Platten und ärgerte mich zunehmend über meinen Freund, der mich von der Reise nach Potsdam abgehalten hatte. Ich habe aus Frust jeden Kontakt zu ihm abgebrochen, auch wenn ich mich natürlich nur über mich selbst ärgerte. Seitdem bin ich alert: wer weiß schon, wie oft man die Gelegenheit hat, sich mal so richtig anätzen zu lassen. Mit Recht!

Erfreulich, aber kaum tröstend: der Nachfolger FUTURE OF THE LEFT ist auch ziemlich gut. Ist nämlich quasi der legitime Nachfolger. SHOOTING AT UNARMED MEN etwas weniger. Momentan gibt es noch einige Vinyl-Ausgaben der legendären „Do Dallas“ zu kaufen, da die Scheibe zum Record-Store-Day 2012 nochmal begrenzt nachgepresst wurde. Sollte man im Haus haben.

Frank-Walter, Paule und die Künstler

Die ZEIT veröffentlichte am Donnerstag ein Pamphlet von Frank-Walter Steinmeier und Paul van Dyk. Sie machen sich Sorgen um die Künstler: „Wer Kultur macht, hat das Recht auf eine angemessene Vergütung“. Ein Fall für den guten alten Gesellschaftsvertrag, denn „Kulturschaffende müssen auch insgesamt besser abgesichert werden, vor allem was die häufig prekären Lebensumstände betrifft“.

Zufälligerweise fiel uns passend dazu im Musikzimmer ein Statement des geschätzten General Boy von 1978 in die Hände:

The XX: Rückzugsgefechte

(Luc) Als THE XX heiß waren, also im Herbst 2009, kam ich gerade nach England. Ich sollte ein paar Monate im Nordwesten arbeiten. Ich hatte weder ein Büro noch eine Wohnung in Aussicht, mietete mich also in einem B&B an der Küste ein und verbrachte die ersten Tage mit der Wohnungssuche. Und abends lag ich in meinem 6qm-Zimmer, schaute auf die flache See oder auf den Fernseher. Irgendwann lief „Later… with Jools Holland“, eine der feinsten Orte für Livedarbietungen guter Musik (Großartig z.B. der PRIMAL SCREAM-Auftritt mit „Swastika Eyes“!). Ich freute mich auf heiße britische Popmusik aber dort spielte nur THE XX.

Ich weiß, viele werden jetzt denken: „Wie toll, so stimmungsvoll! Ganz alleine mit dem Meer und dieser tollen Musik!“. Weil, THE XX ist ja so schön heimelig und kuschelig. Das wurde gerade nochmal im SPIEGEL bestätigt. Mit THE XX will man unter einer Decke sein, alleine sein, intim sein. Hach ja, schön muckelig. Der perfekte Soundtrack zum Bio-Coccooning der neuen Jungspießer. Und das jetzt sogar mit Indie-Coolness-Siegel! Wenn es ein Qualitätsmerkmal für Popmusik sein soll, klanggewordene Norwegersocken zu sein, dann ist in den letzten Jahren einiges falsch gelaufen. Statt der Möglichkeit, ein besseres Leben zu haben oder zumindest ein anderer Mensch sein zu können (die Essenz des 80er-Hedonismus), dient Musik jetzt scheinbar nur noch zum Einrichten im mehr schlecht als rechtem Jetzt. Es stimmt aber: THE XX sind die ideale Musik für Huscherchen der Generation Praktikum (oder wo sie sich jetzt gerade rumtreiben), die eh‘ schon ständig darüber klagen, wie schwer sie es haben.

Die musikalische Entsprechung: schlimmstenfalls belangloses Café-Gedudel, bestenfalls ein unglaublich farb- und einfallsloses Geklampfe. Zur kammermusikalischen „Reduktion“ (so der Spiegel-Rezensent) gesellt sich eine gesangliche, insbesondere bei Oliver Sim, der stets in einer Tonlage rumnölt, dabei aber in seiner Angestrengtheit, möglichst „intensiv“ zu singen, unglaublich verklemmt klingt (Madley Croft gehört mit gutem Willen noch in die Kategorie FEIST, deren Gekrächze ja durchaus Charme hat). Dass FLORENCE & THE MACHINE sich an dem Club-Klassiker „You Got the Love“ vergriffen hat, ist schon ein Affront für Candi Staton. Der Remix von THE XX allerdings ist eine Demütigung. Hier soll ein Exempel statuiert werden: Gegen Leidenschaft und Lebensenergie, für Lethargie und Zynismus.

Die neue Platte „Coexist“ klingt genauso wie der Erstling. Warum sollte man auch das Rezept ändern? Wir sind gespannt, ob bei der dritten oder vierten Platte dann von den heute noch wohlwollenden Kritikern „fehlende Innovation“ beklagt wird. Immerhin: auf „Reunion“ hört man Steeldrums.

Nachtrag: Wie gestern in der ZEIT bekannt wurde, teilt nicht nur der SPIEGEL die Begeisterung für die spiessigen Kammermusikanten aus England. Hier noch viel schlimmer: Eine Popband wird dafür gelobt, dass sie mit ihren Eltern dicke ist. Soviel Verblendung kann nur in bürgerlichen Kreisen existieren, in denen ja die „Aussöhnung mit der Elterngeneration“ eine Hauptbeschäftigung ab 30 ist. Entsprechend werden THE XX als Erfolgsprodukte einer guten frühkindlichen Musikerziehung (…“auf orffschen Instrumenten herumgeklöppelt“) präsentiert. In einem aber unterscheidet sich die ZEIT vom SPIEGEL: während der SPIEGEL mit THE XX heimelig unter die Decke kriechen will – wo irgendwann die Luft dünn wird -, will die ZEIT durch THE XX „in einer immer enger werdenden Welt freier Atmen“. Ich sags ja: Musik für jammernde Huscherchen.

Wieso Thomas Gross allerdings stets den Kontrast zur mackerhaften Rockerpose herstellt, ist schleierhaft: THE XX sind von Rock so weit entfernt, man könnte diese „Verweigerung“ genausogut bei APHEX TWIN hervorheben. Überhaupt existiert diese Attitüde schon seit Punk (Also seit 30 Jahren) nur noch in der karikierten (THE DARKNESS) oder reaktionären (NICKELBACK, KID ROCK) Form. Das ist nun wirklich ein „Easy Target“, um eine Andersartigkeit zu begründen, die in der Musik und der Rezeption von THE XX nicht enthalten zu sein scheint.