tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

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Das Geschäftsjahr 2013

Anstelle einer Liste mit den besten Songs des Jahres, hier die Liste mit den fünf besten Pop-Momenten:

  • Holly und ich sitzen im Februar in Antwerpen in der Frittenbude mit Friet und guter Soße. Im Radio läuft Telex, und zwar „Eurovision„. Ich fühle mich wieder bestätigt, dass Belgien das meistunterschätzteste Land Europas ist.
  • Holly und ich besuchen das People’s History Museum in Manchester. Es gibt eine Jukebox mit 7″s, auf denen die Verbindung von Musik und gesellschaftlichem Wandel gezeigt wird. Als wir da vorbei kommen, läuft „Seconds“ von Human League. Nicht nur dass dieser Track in einem Museum läuft, nein, eine gute Seele wählt den sogar noch aus (für die Unwissenden: es ist die B-Seite zu „Don’t You Want Me“). Wie die Italiener das Dolce Vita qua Geburt und Aufwuchs draufhaben, so haben Mancunians einen uneinholbaren Startvorteil in Sachen Pop.
  • REWE, schnell nochwas zum Futtern holen. Aus den Lautsprechern ruft Billy Ocean „Love Really Hurts Without You„. Und für zwei Minuten ist REWE der beste Club der Stadt.
  • Urlaub im Ostseebad. Auf dem Weg zum Strand noch schnell vier Bier an der improvisierten Bude mitnehmen. Aus dem Radio kommt Chyp-Notic „I Can’t Get Enough„. Wieso ist Chillwave nicht immer so gut wie er gerade da aus dem quäkenden Transistorradio kommt?
  • Holly und ich in Manchester, beim Warehouse Project. Gerade haben CHIC mit Neil Rodgers gespielt. Die Roadies fangen schon mit dem Umbau an, aus den Pausenlautsprechern erschallt (natürlich) „Get Lucky“. Eine Gruppe um und mit uns singt lauthals mit, Nile Rodgers kommt nochmal runter an die Absperrung, stellt sich auf das Geländer, lacht breit, hebt den Arm, während die Gruppe weiter skandiert. Security gibt ihm zu wissen, dass er jetzt mal Backstage gehen soll. Er aber wieder auf den Zaun, wie ein Ultra. Und irgendwie ist er das ja auch, denn da wird 100% deutlich, worum es geht: Celebrate Life. Und wenn man weiß, dass er vor kurzem noch dem frühen Ende entkommen ist, wird das so völlig offensichtlich.

wie Recht er hat. Kurz von dem Jahreswechsel kommt die Nachricht vom Tode Benjamin Curtis. Welch ein Verlust. Als ich im Sommer gehört habe, dass er schwer erkrankt ist, habe ich sogar Geld gespendet. Vorher habe ich den Secret Machines zugejubelt, als all nur Oasis sehen wollten. Habe mich über das labernde Publikum geärgert, die mir die Freude an den School of Seven Bells genommen haben. ILU war mein Song des Jahres. Und es ist eine Tragödie, zu sehen, dass der Musikgeschichte mindestens fünf Alben geklaut werden, die jedes für sich hundert andere Alben ersetzen. So wie schon bei Broadcast. Und obwohl Benjamin Curtis ganz andere Musik gemacht hat, würde er sicher alles dafür eingetauscht haben, um mit Nile Rodgers Party zu machen.

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What’s in a name?

(Holly:) Ich nutze Spotify noch nicht mal und trotzdem verzweifle ich an dem Gedanken, dass die Streaming-Algorithmen mir eben nicht das für mich Beste aus 25 Millionen Songs sondern doch nur die Major-Heavy Rotation servieren könnten und ich all die tollen Bands (wie diese hier) dann doch verpasse. Aber es ist alles noch viel schlimmer: ich verpasse ja nicht nur den mir noch-unbekannten hot shit – ich schaffe es noch nicht mal den bekannten hot shit zu hören. Ich habe 2013 zwar zu einem Playback von „Get Lucky“ am Ärmel von Nile Rodgers weißem Anzug gerupft (okay, ich war nur mit den Fingerspitzen dran – aber das Liveset vorher habe ich auch bejubelt) – Random Access Memories habe ich nie auch nur bei Itunes angehört. Statt Reflektor wie ein anständiger Fan schon mal im September vorzubestellen, gucke ich Live-Videos von „Wake up“ und denke an die Festival-Saison 2014. Das neue MGMT-Album habe ich immerhin zwei mal angehört – also die Schnipselchen auf Itunes. Das an sich ist schon bedenklich. Noch fragwürdiger wird es, wenn ich statt Flux oder Detektor.FM immer nur Oldie 95 oder „Underground Eighties“ höre (ist entspannender bei der Arbeit). Das ist gefährlich, ehe man sich’s versieht schreibt man auf youtube unter Hot Chip-Videos Kommentare à la „Das war wenigstens noch ordentliche Musik damals“.

Das Angebot an neuer und alter Musik ist natürlich auch überwältigend, da müssen Auswahlkriterien her. Punktesysteme, sowas in der Art – wenn ich schon den Spotify-, Amazon- und Last-FM Algorithmen nicht traue. Wenn ich allerdings auf Metacritics.com nach dem höchstbewerteten Album 2013 schaue, wird mir Fleetwod Mac vorgeschlagen. Kenne ich schon. Lange. Da hilft nur: Reviews tatsächlich mal lesen (und vielleicht doch mal Detektor und Flux einschalten) – und anschließend nachhören. Mit dem Lesen ist es jedoch so eine Sache: ich bin ja zum Beispiel ein Fan von anonymen Bewerbungen – wenn schon nicht anonym, dann auf jeden Fall ohne Foto. Alles andere ist irreführende Ablenkung vom Wesentlichen. Genauso ist es mit Bandnamen. Anonyme Reviews, das wär was. Denn so manch vielversprechende Newcomer-Band sortier ich ungelesen und ungehört aus. Glasvegas und Foxygen? Vielleicht ja ganz gute Bands, aber diese Wortspiele? Näh. Biffy Clyro? Keine Chance (aber auch kein großer Verlust, wage ich zu behaupten). Kakkmaddafakka? Boykottiere ich aus Prinzip wegen des abgekakkmaddafakkten Namens. Chuckamuck? Wer denkt da nicht gleich an ShowaddywaddyThe Fratellis? Bin kein Zirkus-Fan. The Donuts? Bäh.

Das ist natürlich vollkommen irrational. Ich sehe auch ein, dass die Wahl des Bandnames schnell zu einem quälend-lähmend-überfrachteten Unterfangen werden kann. Zwar bieten sich zur Orientierung bekannte Schemata wie Zweifach-Wiederholungen (Duran Duran, Django Django, Everything Everything), Dreifach-Wiederholungen (Wet Wet Wet, Lovelovelove), was mit distinktiven Satzzeichen ohne Rücksicht auf Aussprache (Portugal. The Man, !!!, Kwes., Panic! At the Disco, On!Air!Library!,3OH!3, Therapy?, ¡Forward, Russia!), etwas ohne distinktive Satzzeichen (iamwhoiamwhoami, lwrestledabearonce), kryptische  Abkürzungen (CFCF, ASG, KXP),  oder, besonders originell: Dollar- oder Sonderzeichen (A$AP Rocky, µ–Ziq, Ke$ha). Beliebt scheinbar auch: Berge (Mount Eerie, Mount Kimbie, Mount Moriah, The Mountain Goats, Moving Mountains) und Äpfel (The History of Apple Pie, The Appleseed Cast, Apple Orchard, The Apple Moths).

Das klassische „The + beliebiger Plural“ ist ja sozusagen der Volkswagen unter den Bandnamen, vollkommen risikolos. Klar, es kann nicht jeder einen so knackigen und sogar zum musikalischen Inhalt passenden Namen wie Cut Copy haben. Oder etwas gut über die Lippen gehendes wie Shout Out Louds. Dann lieber was komplett sinnfreies wie: Scott and Charlene’s Wedding oder dan le sac Vs Scroobius Pip. Lässt sich immerhin gut googeln.

Freitag der 13.

13(Luc) Unglaublich, es gibt für die Angst vor der freitäglichen 13. ein eigenes Wort. Paraskavedekatriaphobie. Fällt aber der Freitag den 13. in einen Dezember, dann feiern wir den Urknall der modernen Tanzmusik. Ab da an gings nur noch bergauf – oder bergab, je nachdem, wie mans sieht.

Mein schönstes Ferienerlebnis

Luc und ich sind – für den regelmäßigen Leser vermutlich nicht überraschend – in einem Alter und in einer Lebensphase, in der es langsam erklärungsbedürftig wird, wenn man Festivals besucht. Ich spreche nicht von Jazz- oder Klassik-„Musiktagen“, auch nicht vom „Rolling Stone Weekender“. Nein, so richtig Festival. Mit Camping, Dixies, 3-Tage-Wach mit allem drum-und-dran. Es gibt aber durchaus Gründe, solcherlei Unternehmung auch entgegen guter rationaler Einwände auf sich zu nehmen – auch jenseits der prä-adoleszenten Phase und mit Bandscheibenproblemen. Naheliegend ist natürlich der Verweis auf den vermeintlichen Zweck solcher Veranstaltungen: viel Musik auf einmal. Ein weiterer Grund besteht im sinn- und zweckfreien Zeitverbringen mit gleichaltigen Gleichgesinnten (sofern man glücklich genug ist, derer im Freundeskreis noch vorfinden zu können). Drittens und am Wenigsten naheliegend aber nicht zu Unterschätzen ist die praktische Erprobung der eigenen Handlungskompetenz in sozialen Extremsituationen. Wie etwa reagiert man Samstags morgen um sieben, wenn die geschätzten Zeltnachbarn den Ghettoblaster aktivieren, und zwar nicht um Cafe del Mar Vol. 27 sondern Geheimtips wie die Cantina-Band zu goutieren? Exit, Voice, Loyalty?

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Festivals sind eine besonders schöne Form von Eskapismus. Bei manchen bedarf die Realitätsflucht Verkleidung und … uns reicht es schon, länger als 48 Stunden nicht zu Duschen und auch schon mal am nachmittag den ersten Gin Tonic zu trinken. Wir waren also auf dem Melt! Alle drei oben genannten Gründe trafen auf uns zu, berichtenswert ist an dieser Stelle allerdings natürlich vor allem die Musik.

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(Luc) Wenn nicht ein paar Freunde vehement auf unsere Teilnahme gedrängt hätten, wären wir wahrscheinlich auch gar nicht auf dem Melt! gelandet. Auch im Nachhinein zeigt sich, dass ein Festival nur bedingt der Ort für Newcomer ist, wenn man nicht wie von der Blogtarantel gestochen in die Hypemaschine gerät. London Grammar, MS MR, Rhye, The 1975, Chvrches und andere neue heiße Acts – da werden nur hartgesottene Hipster euphorisch. Vor allem um halb fünf nachmittags. Bei 35°. Im kleinen Laden kann man sich drauf einlassen, aber als eine Band unter vielen kann man sich fast alles schenken. Festivals sind also tendenziell undankbar: Chvrches schaue ich mir gerne im Frühjahr nochmal an, aber ich werde nicht schnurstraks von Django Django rüberrennen, nur um ja nichts zu verpassen. Was eigentlich heißt, dass mein nächstes Festival genausogut von Turbostaat, Thees Ullmann oder anderen zweitklassigen Kombos beschallt werden könnte. Das heißt auch, dass ich beim nächsten Mal weniger Ansprüche an das musikalische Programm stellen und ’ne Menge Geld sparen könnte. Trotzdem wird spätestens im Frühjahr wieder Line-Up um Line-Up verglichen, damit man wenigstens einigermaßen verläßliche und vermittelbare Kriterien für die Auswahl des/der Festivals hat. Im Intro Festivalguide hats ja auch noch keine Rankings auf der Syph- und Asiskala. Aber wie wir sehen, werden entsprechende Daten ja leider erst gar nicht erhoben. Stattdessen wird versucht, „Community“ zu messen…. TU Chemnitz: das üben wir noch!

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Fazit? Festivals sind anstrengend: wenig Schlaf, ewig lange Fußwege, ständiges Umhergeschleppe von Sonnencreme, Klamotten, Feuchttüchern, Smartphone-Zusatzakkus – Umstände, die – zumindest bei Gebrauch ausschließlich legaler Drogen – die tiefe, sinnliche Konsumtion rein elektronischer Musik erschweren. So richtig einfach war es also nicht, den perfekten Festival-Moment zu erwischen. Oft scheitert’s schon am Publikum: zu viel Gequatsche bei Mount Kimbie, die in eigentlich schöner Umgebung auf der Seebühne bei Mondschein spielen. Zu viel drogengeschwängerte Aggression bei Disclosure.

Manchmal kommt erschwerend hinzu, dass die Reizüberflutung durch Lässigkeit kompensiert wird und man sich am Rand sitzend statt in den vorderen Reihen tanzend wiederfindet, im Nachhinein eigentlich doof. So wie bei Austra etwa – oder bei The Knife, die zugegebenermaßen eine außer Konkurrenz schräge Performance darbieten. Manches fällt leider aus (Everything Everything), manches kommt unerwartet erfreulich dazu (Kraftklub).

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Django Django

Nur bei Django Django stimmte eigentlich alles: die Bühne (im Zelt!), das euphorische Publikum, eine reizende, smarte Band, die weiß, was sie zu tun hat – und mit Freude ihr Debutalbum von vorne bis hinten durchspielt. Die jubelnde Masse dankt es frenetisch. DIIV am Sonntagabend bestätigen den Eindruck: mit Gitarre geht’s live und draußen doch irgendwie besser.

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Nein, das ist nicht aus "Hell Teil 2", sondern Charlie XCX, frisch gebraten bei 35°.

We’re the restless hearted

(Holly:) Zeit ist nur das eine Problem: Nicht nur, dass ich es seit August letzten Jahres nicht zustande bringe, Reynolds „Retromania“ zu beenden (wie es sich für disziplinierte Pop-Blogschreiberinnen gehört), Thomas Heckens „Pop“-Anthologie mahnt ebenfalls seit geraumer Zeit unangetastet und still vor sich hin, sogar der ME des Monats Mai ist nicht ausgelesen, und dabei liegt der neue schon im Regal. So wird das nichts mit der Themenfindung. Auch sonst herrscht musiktechnisch eher Langeweile, schwierig, wenn man das Konzerthighlight des Jahres vermutlich schon Anfang März erleben durfte (und einem nichts anderes einfällt, als zu versuchen, es im September zu wiederholen). Ich bemüh mich ja, wenigstens zwischendurch in frische Musik zu investieren (zB. Das Debut von Fiction, wird hiermit empfohlen, bedarf aber eigentlich auch nicht mehr als dieser drei Worte.).

Es ist nicht so, dass ich nicht angefangen hätte zu schreiben. Doch der geplante Beitrag zum Thema „Frauen und Popmusik“ gestaltete sich nach kurzer Zeit schwerer als gedacht. Nach einer Eingangsrecherche von der Dauer eines durchschnittlichen Punk-Songs musste ich die Ausgangsthese, dass nur eine erlesene Handvoll Frauen meinen gehobenen goûts musicaux zu befriedigen wüssten, bereits verwerfen. Dazu kamen die Zweifel: sollte ich die in den letzten Beiträgen mühsam erschriebene Emanzen-Credibility durch den drohendenVorwurf von „Stutenbissigkeit“ tatsächlich leichtfertig aufs Spiel setzen? Ermutigung kam von Freund M.: Männer seien ja nun „bekanntermaßen romantischer veranlagt“ (als Frauen), womit die „Performance“ für Männer als Kanal für emotionale Anwandlungen wichtiger sei. Zudem, so M. (sinngemäß), seien Frauen gehemmter: Mal ehrlich, schrieb M., „Welche Frau würde sich auf eine Bühne stellen und heulend-säuselnd Zeilen wie z.B. `I only wanna be your one life stand´ singen, ohne dabei vor Scham im Boden zu versinken?“

Da ich mich natürlich mit solch gender-stereotypen Annahmen niemals aus diesem Blog-Fenster lehnen würde, hab ich das Thema hernach verworfen. Die Geschichte mit der vermeintlich ungleich verteilten Romantik-Kompetenz hat mich aber auf eine neue, zugebenermaßen wenig originelle, Idee gebracht: Ich gehe auf die Suche nach dem perfekten Lovesong.

Ja, auch nicht gerade ein low-risk-Blogbeitrag. Um M.‘s Beispiel aufzugreifen: Hot Chip sind ohne Zweifel große Romantiker und produzieren Kitsch in ungeahnten Dimensionen. Aber Liebeslieder? So richtig? Vielleicht liegt’s an Alexis Taylor’s Falsett, vermutlich aber eher am Tempo: Liebeslieder sind nicht zum Tanzen. Ich weiß – ein hartes Kriterium, denn damit scheiden nicht nur Klassiker wie „You got the love“ aus, auch große Emo-Kunstwerke wie sie etwa die hier schon viel gelobten Future Islands liefern, laufen außer Konkurrenz.

Also: getragenes Tempo! Was noch? Nicht zu viel Schmalz und Kitsch und auch nicht zu viel Gejaule und Geleide. Barry White kommt nicht in Frage, ebenso kaum eine der vielen vermeintlichen “Soul-Diven”. Elvis? Vielleicht. Aber nicht Nick Drake, nicht Sam Beam, nicht Jose Gonzales und auch sonst kein Artverwandter. Um nicht weitere Ausschlusskriterien aufzuzählen: hier kommen meine vier liebsten Liebeslieder.

I’ll Stand by You – The Pretenders
Hier besticht die Haltung. Trostangebote sind ja nun kein seltenes Motiv in gefühlsbetonteren Musikstücken, doch hier wird nichts beschönigt. Die Aufforderung, nichts zurückzuhalten, die Versicherung, dass es okay ist, mad zu sein, dass keine Offenbarung zu viel sei. Keine Frage, Chrissie Hynde nimmt man das voll ab. Ein großer Song, dem man selbst das chorale Ende verzeiht (findet sogar Luc).

Heaven – Byran Adams
Okay, von hier aus ist es nicht mehr weit bis zu „The Glory of Love“. Und man muss sich schon sehr zurückhalten, um bei „Heaven“ nicht die Wolfgang-Petry-Faust zu ballen. Aber ich bin wirklich verzückt, wie Bryan Adams mit seiner Stimme, die ja gern mit Verweis auf Holzwerkzeuge beschrieben wird, so schuljungenhaft entwaffnet diese Liebeserklärung abgibt. Außerdem: gibt es im Deutschen eine ähnlich tolle Formulierung wie „You keep me coming back for more“?

As – Stevie Wonder
Ja, gut, oben hab ich Souldiven und –boys noch ausgeschlossen. Und die Pop-Kriterien sind hier auch nicht so richtig erfüllt. Dafür aber umso mehr ewige Liebe, und darum geht es hier ja schließlich. Eine astreine britische Lady erzählte mir mal, beim Singen dieses Liedes ihre Tochter entbunden zu haben, just zu den Worten „But you can bet you life times that and twice its double that God knew exactly where he wanted you to be placed” sei diese auf die Welt gerutscht – um einige Jahre später als Meeresbiologin im bornesischen Urwald mit einem Eingeborenen eine Familie zu gründen. Einmal habe ich eine Hochzeitsrede geschrieben, aufbauend auf diesem Song. Leider konnte ich sie nicht halten, seitdem warte ich auf die Silberhochzeit von A. und S., die meinem nicht uninformierten Eindruck nach eine ganze Menge von echter Liebe verstehen, und denen bis zu ihrer Silberhochzeit erstmal diese Widmung reichen muss.

Slave to Love – Bryan Ferry
Echte Liebeslieder haben natürlich ein besonderes Qualitätsmerkmal: man kann sie nicht zu oft hören – und sie sind irgendwie auch universal, zu groß, um sie mit nur einer Liebschaft zu teilen, um sie dann irgendwann nicht mehr ertragen zu können. „Slave to Love“ ist ja wohl mal der ultimative Lovesong, in erster Linie natürlich wegen der Kuhglocke. Es gab da mal einen super Film aus dem Jahre 1986, „Fire with Fire“, mit Craig Sheffer und Virginia Madsen. Ein einziger feuchter Mädchentraum, schlimmer als Dirty Dancing. Eine verwaiste Klosterschülerin und ein junger Sträfling (der nur seine Mutter vor dem prügelnden Stiefvater beschützen wollte) begegnen sich im Wald, wo sie sich als Ophelia inszeniert. Später veranstalten die Klosterschule und die Strafkolonie einen gemeinsamen Ball (wirklich!!), die beiden tanzen – und zwar zu welchem Lied? Genau. Vor Jahren wollte ich den Film auf Ebay ersteigern – in der VHS-Hülle die ankam, war eine falsche Kassette. Ich bin immer noch auf der Suche.

Historisches, allzuhistorisches: My Bloody Valentine in Manchester

(Luc): In den letzten Wochen und Monaten kam ich leider kaum dazu, mich auf Tentativism zu äußern, weil ich ständig die Facebook-Seite von My Bloody Valentine konsultieren mußte. Ihr erinnert Euch: im Herbst letzten Jahres hat Kevin Shields die neue Platte angekündigt und anstatt „ja klar, Kevin, Deine Mutter“ zu sagen, ahnte ich schon, dass da diesmal was dran ist. Und dann, im Dezember, zu Weihnachten, sass ich mit dicken Bauch vor dem Rechner und erfuhr von drei Konzerten My Bloody Valentines in England. England? Nicht grade um die Ecke, aber immer noch näher als New York oder Australien. Aber Mitte März? Da sollte ich eigentlich 10.000 km von England weg sein. Egal, Daten eintippen, Kreditkarte zücken, fertig. Zweimal My Bloody Valentine für Holly und mich. Wenns nicht klappt, krieg ich die Karten sicher irgendwie los. Und dann stehts im Kalender: My Bloody Valentine, 10 March, Manchester.

mbv88Wer uns und den Blog kennt, weiss, das Manchester für uns sowas wie Paris oder der Vatikan für andere Leute ist: problematisch mythisch aufgeladene Orte, die natürlich jeden Zauber verlieren, wenn man erstmal dort ist, weil sie einen eben auch nicht in lourdescher Manier zur unmittelbaren Erleuchtung verhelfen. Dafür ist das Essen aber ganz gut.

Die Crux an Städten wie Manchester: sie sind so dynamisch, dass immer eine Menge passiert, aber auch, dass die Zeichen früherer Entwicklungen von der neuen Zeit überrollt werden. Den dynamischsten Orten sieht man es gottseidank nicht an, dass sie eine wichtige kulturelle Rolle spielen: wo vergangene Epochen museal konserviert werden, ist der Pesthauch der Ödnis nicht weit. So zelebriert der Kiez in Hamburg oder die Lower East Side in New York die vergangenen Zeiten, während hinter den Mauern nur noch das Internetagenturenwesen blüht.

In Manchester wird nichts mumifiziert. Orte werden nach ihrer Hochzeit wieder zum normalen Stadtgebiet und lassen bestenfalls ein kleines Zitat zurück. Sowohl die erste kapitalistische Fabrik wie auch die Hacienda wurden zu Parkplätzen. Warum auch nicht? Das Gegenprogramm, die penetrant klammernde Zurückgebliebenheit, zeigt sich an den ganzen Smiths-Fans, die sich vor dem Salford Lads Club ablichten lassen. Ja, ich habe auch eine Smiths-Platte, aber besser als Fine Young Cannibals finde ich die auch nicht.

Vor dem Konzert erschien dann noch die neue LP von My Bloody Valentine. Da wartet man 22 Jahre (OK, so richtig warten tut man ja höchstens 17) und dann passiert alles an einem Samstagabend: „Nachher geht die neue Seite online“, „Die neue Platte kann dann dort bestellt werden“. Lakonischer gehts kaum. Dass abseits jedem Werbe-Hypes trotzdem My Bloody Valentine die Spalten und Regale des frühjährlichen 2013 dominierten, verdeutlicht ja nur (noch einmal), wie reif das Independent-Wesen der Popkukultur sein kann. Eine Band wie My Bloody Valentine kann ohne Label im Rücken ohne weiteres die flächendeckende Versorgung mit Platten, CDs und Downloads sicherstellen. Es war zwar zu erwarten, dass Kevin Shields nach den Erfahrungen mit Island und, ja, auch Creation, nur noch wenig Bock auf Labelgetue hat, aber das dann auch ohne hinzukriegen, hätte man von dem Schluffi ja nicht gedacht. Umso erfreulicher, dass „mbv“ nicht in der Indie-Obskurität verschwand, sondern popkulturell sowas von breit aufgenommen wurde. Irgendwas scheint die Feuilletons und Musikpresse geritten zu haben, dass sich Spiegel, Zeit und Musik Express darin überbieten, tatsächlich schöne Rezensionen zu schreiben. Denn My Bloody Valentine sind hier das genaue Gegenteil von den unzähligen Indie-Säuen, die durch den Bloggerwald getrieben und auch nur deshalb wahrgenommen werden. Hier wird noch mit dem „Content“ gepunktet. Eigentlich müßte die neue My Bloody Valentine bei Manufactum verkauft werden.

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Konzerte, gerade solche, die mit einer großen Erwartungshaltung beladen sind, sind nur schwer zu referieren. Besonders, weil es bei MBV und dem Sound der Band ja irgendwie auch immer um das geht, „was die Musik mit einem macht“. Da wirds oft schnell peinlich, wenn man sich genötigt fühlt, große Emotionen zu Papier, Tastatur oder Mikro zu bringen. Es gibt keine Garantie dafür, dass die beste Musik auch die bedeutsamste ist. Nach 25 Jahren My Bloody Valentine und 100 Mal „Loveless“ ist jede Ursprünglichkeit dahin. Man versucht zu verstehen, wie dieser Sound gemacht wird, wieso er klingt, wie er klingt, wieso man in einer bestimmten Art und Weise darauf anspringt. Da ist My Bloody Valentine im Vergleich zu 98% aller anderen Musik eine harte Nuss, an der man sich abarbeiten kann. Kings of Leon, The XX oder Snow Patrol hat man ja nach 20 Sekunden durchschaut. So höre ich My Bloody Valentine und so schaue ich sie mir eben auch an: wie machen die das?

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Die Erwartung, ein My Bloody Valentine-Konzert würde mich in einen entrückten, oder ekstatischen Zustand versetzen, ist natürlich die altbekannte romantische Trope, nach der Musik wie Sex oder Drogen zur Flucht aus den Verhältnissen beitragen soll. Dabei will ich gar nicht leugnen, dass Musik Rausch und Euphorie erzeugen kann. Stelle „To Here Knows When“ mal für eine halbe Stunde auf Dauer-Repeat und du weißt Bescheid. Aber wenn ich bei My Bloody Valentine in Euphorie komme, dann über die kreative Großartigkeit. My Bloody Valentine sind Musikarchitekten, die es geschafft haben, Klanggebilde zu erzeugen, die es vorher nicht gab. Dies live zu sehen, vergewissert noch einmal, dass es sich dabei nicht um Hexenwerk handelt, sondern dass Shields, Butcher, Ó Ciosóig und Googe simpel und ergreifend über die Produktionsmittel verfügen, solche Gebilde zu errichten. Aus den Verstärkern kommt dieser Sound so, wie er aus der Vinylrille kommt (Abmischung hin oder her). Es ist gerade diese Reproduzierbarkeit, die die Größe ausmacht. Der Stellenwert der neuen Platte kann daher kaum größer eingeschätzt werden: „Loveless“ ist eben kein zufällig genialer Wurf, der aus einem Haufen mittelmäßiger Werke heraussticht, sondern das Ergebnis eines kreativen Weges dahin, solche Sounds erzeugen zu können. Und wenn die wollen, machen die das halt nochmal. Die Mittel dazu stehen jedem offen und My Bloody Valentine haben gezeigt, dass Loveless wiederholbar ist. Es zeigt, dass man tatsächlich sowas hinkriegen kann, wenn man sich nur Mühe gibt. Die Zeit zwischen „Loveless“ und „mbv“ war ja schließlich von unzähligen Bands geprägt, die Shoegaze à la MBV machen wollten, es aber nicht hinbekommen haben (All Natural Lemon and Lime Flavours oder, leider, auch die dritte Ulrich Schnauss LP). Bands wie Mogwai oder Boards of Canada haben es aber ziemlich gut verstanden, die Mittel, die My Bloody Valentine erschaffen haben, für die Verbesserung der Musik zu nutzen. Vielleicht hat das Konzert von My Bloody Valentine im März 2013 ja ungefähr einen solchen Impact auf die musikalische Szene Manchesters, wie der Auftritt der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall (ähem)…

The Learning Curve

(Luc) Wie sieht ein Abend so bei uns aus? Wenn wir nicht gerade Simon Reynolds‘ krude Thesen über die Rückbezüglichkeit des Pop diskutieren, hängen wir natürlich im Netz rum, blättern in Magazinen oder wählen uns durch die ganzen Radiostationen im Internet. Manchmal steigen wir auch in die Zitathölle ab, dann lässt Holly irgendwo „Life in a Northern Town“ fallen und plötzlich werden Dream Academy ein abendfüllendes Thema. Im Grunde geht es dabei immer um das gleiche Thema: aus welchen Gründen finden wir bestimmte Musik gut und andere grottig? Und da Geschmack keine gültige Kategorie ist, gilt es, passende Gründe zum Bauchgefühl zu finden.

„Life in a Northern Town“, ein Stück aus dem Jahre 1985, das man fürs gleiche Geld großartig oder abartig finden kann. vor allem wegen dem Chorus, der mir zwar als kleiner Erdenbürger mit großem Popgedächtnis gut reinging, aber mit zunehmender Geschmackssicherheit mindestens fragwürdig ist. Nun, ich entscheide mich dafür, ihn trotz des E-O-Ma-Ma-Ma den erhobenen Daumen zu geben, alleine schon dafür, dass heute niemand mehr so expressiv und hook-besessen rumsingen würde. Zumal Gospel echt durch ist.

Vor allem aber steckt in dem Lied ein großer Widerspruch: der bombastische Chorus passt nämlich irgendwie so gar nicht zu dem zurückhaltenden Strophenteil. Ohne den Refrain, so wird beim wiederholten Hören deutlich, könnte „Life in a Northern Town“ nahtlos auf Sarah Records erschienen sein. Zwischen The Orchids, Field Mice oder Sea Urchins wären Dream Academy überhaupt nicht aufgefallen. Das Sarah-Label startete aber erst 1988, nachdem Indie schon reichlich etabliert war. In 1985 sollten C86 und The Smiths erst noch kommen. Für den üblichen Mittachtziger-Pop also zu speziell, für Indie jedoch zu früh. Sind Dream Academy also keine New Romantics, sondern Pioniere?

Das Video spricht dagegen. Während des Refrains sieht das ganz arg nach Selbsthilfegruppe aus, ansonsten ist das Video sehr Englisch und erinnert schon fast an China Crisis. Da will man sich doch gleich ins Tweedsakko kuscheln und Scones essen. Und wenn mans recht betrachtet, ist ein Dream Academy-Revival jetzt quasi unvermeidlich, vereint deren Look sowohl den Style Fleetwood Macs als auch Berliner Vollbärte.

Bleibt die Spannung zwischen der Twee-artigen Strophe und dem Paul Simon/Live Aid/Red Box-esquem Refrain. Zwischenzeitliche Hypothese: der Produzent hat den Refrain ins Lied geflanscht, weil ansonsten gar keine radiotaugliche Single auf der Platte gewesen wäre. Das war damals so gang und gäbe. Wer die Demo-Version von dem Riesenhit „Crash“ der Primitives kennt, weiß, dass das ursprünglich ein ziemlich holpriges Geschrammel war. Erst Paul Sampson, der Produzent, hatte die Idee mit dem jangly Gitarrenriff am Anfang und in der Bridge. Und weil die Primitives damals noch schlechte Musiker waren, hat Herr Sampson die Gitarre gleich selbst eingespielt.* Sowas vermutete ich bei Dream Academy also auch: ein zartes Grüppchen verschüchterter Klampfis wird vom geldgierigen Manager zu Hits verdonnert.

So spannt sich der Bogen von New Romantic, Gospel zu Indiepop und Räuberpistolen über Majorlabels. Gäbs kein Internet, könnte man mit dieser Legende gut leben. Leider aber hats Google und so holt einen die Realität schnell wieder ein. Der Song ist eine Hommage an Nick Drake, der es in kürzester Zeit geschafft hat, sich eine gigantische Psychose anzukiffen und daran auch gleich hopszugehen (mit 26 – für Weltruhm also ein Jahr zu früh). Dream Academy hattens nach drei Alben auch hinter sich. Der Sänger Nick Laird-Clowes allerdings veröffentlichte Ende der 1990er auf Creation – so ganz falsch lag ich mit Sarah also nicht!

* Inzwischen kann der Gitarrist das selbst, da konnte ich mich letztes Jahr selbst von überzeugen.

 

Es muss nicht immer „Feist“ sein

Holly: Der graue November hat ein Pendant: den Februar, dessen einziger Vorzug darin liegt, dass er nicht so lang ist wie der November. Ansonsten ist er aber vor allem: kalt – und der ersehnte Frühling ist noch mindestens einen ganzen März und einen halben April entfernt. Die Abende sind also weiterhin lang und ein bisschen jammerig, ist man doch wieder mit weniger Elan ins neue Jahr gestolpert als erhofft. Für diese Abende präsentiere ich nun die passende Playlist. Melancholie ohne Kitsch, nie ohne Hoffnungsschimmer. Wem Feist und Kings of Convenience zu ordinär, „Moon Safari“ zu erinnerungsbeladen und Phoenix schon zu flott sind, dem sei hiermit hoffentlich geholfen: Keine Schmachtfetzen, kein Schmerzelegien, ein wenig Soul, etwas mehr Lakonie.

Als Referenzpunkt dieser Playlist fungiert Terry Calliers kleines Meisterstück „Ordinary Joe“. Callier verschied leider im Oktober 2012 und gehörte wohl unbestritten zu den großen Unterschätzten und Verhinderten der Musikgeschichte. Genreübergreifend wie Bill Withers mit deutlicher Chicago-Prägung war er immerhin 40 Jahre lang aktiv. Seine stille und etwas kryptisch-lyrische Hymne über den citoyen moyen ist zu zauberhaft um sie in ihre Bestandteile zu zerpflücken. Die vermeintlich leicht klingende Orgel vermag es nicht, über die Eindringlichkeit der erzählten Geschichte hinwegzutäuschen und so entsteht die einmalige Stimmung aus Tragik, Hoffnung und und Trotz. Unerreicht!

Dream Pop ist voll angesagt und in den einschlägigen Postillen wird Chris Rea rehabilitiert. Was aber ist mit „The Year of the Cat“, Al Stewarts Kassenschlager von 1976? Doch nicht der Titelsong und auch nicht das etwas zu dramatische „On the Border” passen perfekt zu unserem Referenzsong, sondern „Midas Shadow“. Auch hier bestechen die etwas weniger zackige Orgel und der lakonische Erzählton, wäre dieser Song ein Haarpflegeprodukt, es würde reinigen und pflegen ohne zu beschweren.

Erinnert sich noch jemand an Badly Drawn Boy? Vor ein paar Jahren, als bereits nicht mehr viele Hähne nach ihm krähten, und ich gerade in etwas zerrüttetem Zustand war, tauchte er wie ein Messias aus meiner Musikbliothek wieder auf, und siehe da, Perlen wie „Another Devil Dies“ und „Welcome to the Overground“ holten mich nach und nach, mit jedem Hören, ein bisschen weiter heraus, aus meinem von Seelenteufeln bevölkerten inneren Untergrund. In den letzten Monaten war auf Damon Goughs Facebook-Seite zu lesen, dass es ihm nicht gut zu gehen scheint. Das macht mich noch dankbarer und demütiger, und auch ein bisschen hilflos. In diese Liste gehört „Stone on the Water“. Mehr als die Hälfte des Songs besteht aus dem Intro, in dem melancholische Gitarren und ein nachdenkliches Klavier elegant mit lakonischen Gitarren kommunizieren. Und wenn man es schon nicht mehr erwartet, beginnt der Gesang. Keine Strophe, kein Chorus, genauso unvollendet wie das noch junge Jahr.

Roxy Music sind natürlich ein Fixstern im Tentativism-Universum und bedürfen hier keiner weiterer Lobhudelei. Bei „Avalon“ wird es Zeit, den Tee mit einem Schuss anständigem Rum anzureichern. A propos Rum: ich vermute Van Morrison bevorzugt irischen Whiskey, aber abgeneigt war die alte Saufnase Hochprozentigem im Allgemeinem wahrscheinlich nie. Mir vorzustellen, dass er circa knappe 23 war als er das magische „Moondance“ schrieb, das beeindruckt mich immer wieder sehr. Ich kenne ein paar Jungs in dem Alter. Im Trinken sind die zwar auch alle gut, aber Songs schreiben tut da keiner. Eignet sich übrigens auch gut für Karaoke, selbst für Frauen (die gern irischen Whiskey trinken).

Und täusche ich mich, oder ist nicht nur Chris Rea sondern auch Fleetwood Mac wieder im Trend (siehe oben)? Neulich lief „Go Your Own Way“ tatsächlich in diesem Studentenschuppen an der Bahnhofsmeile. Und dann das Hot Chip Live-Cover von „Everywhere“, geniale Wahl. Mir egal, ob’s Trend ist, Fleetwood Mac gehörte bei mir zum frühkindlichen Musikerziehungsprogramm und sorgt deshalb für wohlige Nostalgie. „Sara“ passt nicht nur gut aufs abendliche Sofa, sondern eigentlich besser ins Auto, auf jeden Fall toll. Dramatisch und trotzdem abgeklärt. Und doch so dringlich.

„Suburban Light“ von The Clientele war das erste Album, das mir Luc geschenkt hat. Das macht es für mich besonders, aber unbestritten eignet es sich auch sonst hervorragend für Stunden zwischen wohligem Rückzug, Zweifel, Verdruss und Optimismus. Einfach durchhören, oder passend zum Wetter „Rain“ auf Repeat stellen. Schmachten. Und Rum nachschenken. Ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Zum Beispiel neulich, im Silvester-Urlaub. Am letzten Tag des letzten Jahres traditionell das Konzert-Programm auf 3Sat verfolgt. Am nachmittag das Wieder-Wieder-Vereinigungs-Konzert von Simon & Garfunkel in New York 2004. Ich versuch noch cool zu bleiben, immerhin sitzt Luc neben mir, aber dann doch wieder Gänsehaut und brennende Augen bei der dritten Strophe von „Sounds of Silence“. Faszinierend, aber zu kitschig für den hier verfolgten Zweck. Stattdessen perfekt: „Fifty ways to leave your lover“.

Möglicherweise beschäftigt sich ein zukünftiger Beitrag dieses Blogs mit Songs, die zu kurz geraten sind. Der letzte dieser Playlist gehört dazu: Tim Hardins „Reason to believe“. Irgendwann muss ich in Ruhe darüber nachdenken, ob ich es schal finde, Musik zu hören von Menschen wie Hardin, Nick Drake oder Elliott Smith, die ja fast Jesus-artig zu empfänglich waren für ihren Schmerz und den Schmerz der Welt, es trotzdem schafften, ihn auf tragisch-schöne Weise produktiv zu wenden, und dennoch daran zugrunde gingen. Andererseits sollte es doch darum gehen, das künstlerische Werk losgelöst von der Person des Künstlers zu würdigen. „Reason to believe“ ist der Inbegriff der resignierten Liebe, aber auch resignierte Liebe ist eben immer noch, was sie ist.

So. Damit dürfte der Februar ein bittersüßes Vergnügen werden. Und demnächst hier: Holly’s Best-of-Spring-List!

Where On Earth Is Kevin Shields?

(Luc) Wir sind zu nörgelig hier bei tentativism? Hier zur Abwechslung blindes Fantum und völlig kritikloser Hype! Obige Überschrift war einst (1999) Titel einer Platte der Band P.S. I LOVE YOU. Er sprach ziemlich vielen aus der Seele, denn man befürchtete, er liege im Crackrausch unter einer Londoner Brücke oder ist nach 5 Tagen, an denen er denselben Akkord durchspielte, plötzlich tot umgefallen. Heute wissen wir dank Internet mehr, aber bringen tuts uns eigentlich nichts. Wenn sich aber alles bewahrheitet, dann ist Ende Dezember zwar nicht die Erde vorbei, dafür aber die Geschichte der Rockmusik, denn Kevin Shields hat tatsächlich nochmal bekräftigt, dass „sie“ noch dieses Jahr rauskommen soll. Wir wissen alle, wie oft er das gesagt hat, aber alleine die Vorstellung, dass MY BLOODY VALENTINE im Studio Musik produzieren, hat bei mir ungefähr den gleichen Effekt wie Meeresrauschen oder Waldbilder bei anderen. Eine große Rolle spielt dabei, dass ich mir dann einbilden kann, sie würden deswegen ein paar Konzerte spielen, zu denen ich dann auch hin kann (2008 war ich verhindert, Tokio bzw. Melbourne 2012 ist mir doch zu weit). Ich kann nicht verstehen, wieso nicht jeder Mensch mit ein wenig gutem Musikgeschmack sich nicht wünscht, sich bei einem Konzert von MY BLOODY VALENTINE von seinem oder ihrem Gehör zu verabschieden – am besten, wenn das letzte, was man gehört hat „From Here Knows When“ ist. Aber ich verstehe auch Cargohosen, Bubble Tea oder Frauen mit Schirmmützen nicht. In jedem Fall wäre dann erstmal das letzte Wort in Sachen „Shoegaze“ gesprochen, nachdem der Begriff in den letzten Jahren komplett von Sinn befreit wurde, aber dazu ein andermal. Und überhaupt: Herr Shields soll zudem noch bei der neuen PRIMAL SCREAM mit dabei sein. Stellt euch mal vor: XTRMNTR Teil 2! (Im Jahr 2000 wußten wir natürlich, wo sich Kevin Shields im Jahr zuvor rumtrieb).

Und jetzt stellt euch nur mal vor, BOARDS OF CANADA würden nächstes Jahr…

„Das hat der sich doch nur ausgedacht!“

als Hiltrud das erste und einzige Mal diese Wohnung betreten hat, fand sie es nötig, die Arbeiten auf dem Fußboden mit strengem Blick zu mustern und dann in pikiertem Tonfall zu erklären: „Ich weiß nicht, für wen so etwas gut ist. So eine Kunst. Wer so etwas anschaut – ich mag ja nun auch moderne Sachen, Chagall oder Magritte, abstrakte Malerei, aber meine Freundin Martina, die ein Geschäft hat, in dem auch Kunst verkauft wird, Postkarten, Drucke, sagt immer: Ein Künstler muß uns Freude machen, sonst ist er kein Künstler.“ Dietmar Dath, Dirac

(Luc) Aufmerksame Leser werden sich erinnern: im Sommerloch meldete sich Holly zur Besprechung von Houellebecqs „Elementarteilchen“ durch Clemens Setz zu Wort. Dort wurde schon deutlich, dass Setz sich in seiner Interpretation von der herrschenden Lehre absetzt: sowas wie Houellebecq kann angesichts des Zynismus nicht schön zu lesen sein. Jetzt hat Setz durch die Veröffentlichung von „Indigo“ den Wanst selbst in Schußhöhe.

Der Vorwurf, Houellebecq wäre zynisch, erhebt den Anspruch an Literatur, dass sie vornehmlich Trost spenden soll. Der Griff zum Buch soll erheitern oder ablenken – zuallermindest scheint es legitim zu sein, Werke dafür zu kritisieren, dass sie dies nicht tun. Dazu kommt bei Houellebecq, dass bei ihm deutlich wird, dass es Fiktion ist. Im Englischen redet man von „Fiction“, auch wenn es sich um einen Jugendroman handelt. Damit wird deutlich, dass es eben erfundene Geschichten sind. Erfundene Geschichten sind jedoch nicht beliebt, erst recht nicht, wenn sichtbar ist, dass sie erfunden sind.

Authentizität ist hier der Kampfbegriff, der „das Gute“ mit „dem Echten“ zusammenbringt – hier treffen sich dann auch die ganzen „Manufakturen„, in denen das Handwerk glorifiziert wird, mit vielen Anhängern der Singer/Songwriter. In dem Genre finden wir den Typus des „Liedermachers“ selten. Warum? Weil er politisch ist. Der Singer/Songwriter ist aber apolitisch: er singt und klampft über das Leben als solches, seins in speziellen und eigentlich aber über jenes von uns allen. Bob Dylan und Michael Stipe mag man, bei aller Grausligkeit ihrer Musik, anrechnen, dass sie dieses Identifikationsbedürfnis stören, indem sie ständig betonen, dass sie sich das alles komplett ausgedacht haben. Der Singer/Songwriter denkt sich aber nichts aus, denn er singt über das „echte Leben“.

Das gilt auch für das geschriebene Wort. In einer Zeit, in der Literatur als Lebenshilfe mißbraucht wird, können Autoren nur dann punkten, wenn sie genügend Identifikationspotenzial für die Leserschaft bieten. Je mehr desto besser. Mit Houllebecqs Figuren will sich aber niemand identifizieren. Die ultimative Kapitulation vor den Verhältnissen wird in den Sippenromanen des 21. Jahrhunderts geliefert. Hier kann man sich nicht nur schön in die Personen reindenken, sie kreisen sich auch schön übersichtlich um ein archaisches Mikrouniversum der Familie. Den zerfallenden Dynastien der westlichen Gesellschaften werden damit noch schnell kulturelle Denkmäler gesetzt, die sie „larger than life“ machen sollen.

(Jetzt wirds intellektuell) Diese Tendenzen der Alltags- und Familienprosa spiegelt eigentlich genau das wider, was damals bei Adorno & Horkheimer über das Hollywoodkino geschrieben wurde. Auch die Literatur, die in die Charts will, muss attraktive Persönlichkeiten, einen klaren Ablauf und viel Emo drinhaben. Den Plot sollte man nach Möglichkeit nicht als Konstruktion erkennen. Sowas wie „Indigo“ von Clemens Setz steht dem komplett entgegen. Und weil es sich so vehement von der Vorherrschaft des Eskapismus, des Cocoonings absetzt, reagiert das Establishment (hier in der Form des SPIEGELS) mit einer bekannten Strategie der Ausgrenzung: sie macht sich drüber lächerlich, indem es das Buch als „Mumpitz!“ abkanzelt. Erstaunlicherweise macht die FAZ da nicht mit sondern empfiehlt das Setz’sche Werk geradezu.

„Postmodern“, wie die FAZ es charakterisiert, ist allerdings nicht das passende Attribut für solche Bücher. Es gehört ja geradezu zum Kern der Moderne, sich Utopien, Fiktionen, vor allem bessere Welten zu denken. Inzwischen ist aber die Kohorte zeitabovollzahlerreif, die die letzten 15 Jahre mit verblödender Alltagsprosa ihre literarische Kinderstube bestritten haben. Sie ist deswegen verblödend, weil – so zeigt die Kritik – Leser von fiktionalen Konstruktionen scheinbar zunehmend überfordert sind. Es scheint, als ob es den Leuten immer schwerer fällt, mit alternativen Welten, multiplen Realitäten umzugehen. Es gibt nur eine Welt, und an der wird Kultur gemessen, wenn sie nicht gerade als SF oder Trash durchgehen will. Das über-die-aktuellen-Verhältnisse-hinausgehen war jedoch im 20. Jahrhundert der Inbegriff jeder modernen Kunstauffassung. Auch das ist wieder bei den ollen Frankfurtern nachzulesen. Ungefähr zeitgleich begann ja auch die Rezeption von Musil, quasi das Manifest des modernen Weltbezuges in der Literatur. Heute finden wir das in offensiver Form u.a. bei Dietmar Dath, der angesichts der Dummheit der Verhältnisse stets gezwungen zu sein scheint, darauf hinzuweisen, dass Fiktion als solche essentiell ist. Denn wer es schon beim Lesen nicht schafft, über die Verhältnisse zu sehen, der schafft es auch nicht politisch. Wenn Trost allerdings die Hauptfunktion von Literatur ist, kapituliert sie vor den Verhältnissen, die den Menschen so frustrieren, dass er es ohne Trost nicht mehr in ihnen aushält.