tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Kategorie: The Fall and Decline of…

The Fall and Decline of….(Teil 2): Santigold

(Luc) Ich gebe zu, ich höre anfangs nie so genau hin. Eine Hookline, eine gute Idee im Song reicht, um mich auf seine Seite zu ziehen. Erstmal begeistert, fällt es schwer, mein Urteil zu revidieren. Sowas will man sich ja nicht eingestehen, stattdessen will man stilsicher sein: Bei den ersten Tönen mit Bestimmtheit „cooler Scheiß“ ausrufen zu können. So geht es den meisten im Popuniversum.

L.E.S. Artistes ist halt auch ein gutes Lied. Wie der Bass die Strophe begleitet und besonders, wie der Break zum Refrain den Beat vermissen läßt, so dass die Wall of Sound etwas verzögert reinkommt. Ja, an solchen Kleinigkeiten trennt sich guter Pop von Rock und Techno. Ich hatte mit die 12″ („I Believe in Santogold“) sofort besorgt, mit „Creator“ auf der Flipseite, alles in Butter, ich war zu bedingungslosem Fantum bereit.

Bis ich die ersten Interviews las. Mir stieß da schon die Story SANTIGOLDs bitter auf. Sie kommt mit einer Familientragödie im Gepäck nach New York, wo sie aber statt künstlerischer Befreiung nur Hipstertum bekam. Und sie biß sich durch, um es am Ende der Szene auf der Lower East Side mit diesem Song heimzahlen zu können. Dabei war 2008 die Lower East Side bereits so hip wie München-Schwabing. Da zogen bereits die Horden mit Hipsterbärten nach Williamsburg, um dort die alteingesessene (jüdische) Bevölkerung wegzugentrifizieren. Die Avantgarde wohnt in Brooklyn, in Manhattan gibts nur Carrie Bradshaw und Moby. Da gegen die Lower East Side zu feuern, während man selbst in Brooklyn die Künstlerin raushängen läßt, ist etwas billig.

Viel schlimmer fand ich aber die heldenhafte Pose Frau Whites. Ich saß einer Fehlinterpretation auf. Das Album fand ich sehr unterhaltsam: Clubtaugliches, Tracks fürs homelistening, „I’m a Lady“ fand ich schön ironisch und auf „Unstoppable“ keckert sie wie ein Wellensittich. In Interviews hingegen betonte sie jedoch immer wieder, wie wichtig es sei, gut zu sein. Nicht nur hip zu sein (das können alle), sondern auch Qualität zu haben. Da dachte ich: holla. „Gut sein“ ist ein Kriterium, was heutzutage nur noch in Castingshows ernsthaft als Bewertungskriterium herangezogen wird. Die Zeiten sind echt vorbei, in denen wir Musik hörten, weil sie von „guter Qualität“ ist (leider kommen solche reaktionären Standards wieder häufiger vor: GRIZZLY BEARs neue Platte verzückte einen Kritiker auf Radioeins (RBB), weil sich der Rhythmus zwar ganz einfach rüberkommt, aber wenn man genauer hinhöre, man merkt, dass der doch schon ziemlich vertrackt ist, was man aber eigentlich nur hören kann, wenn das Ohr etwas Jazz-geschult sei…).

Und es geht um „Toughness„. Oh mein Gott. Hier werden dann echt die ollsten Attitüden der Hip-Hop-Historie rausgekramt, die vielleicht Anfang der 80er in der South Bronx noch verständlich waren, aber nicht im Brooklyn der 2000er. Diese grunddarwinistische Haltung, nach der man im „Battle“ bestehen muß und man nur mit Toughness in der Härte der Stadt überleben kann, kotzte mich schon immer an. Ständig seine Qualitäten vor sich her tragen zu müssen und Härte zeigen – das ist schon im Alltag eine verachtenswerte Eigenschaft. Die will ich nicht noch in meiner kulturellen Freizeit vorgekaut bekommen. Und so blühte mir dann irgendwann, dass SANTIGOLD die neoliberale Ideologie auf popkulturellem Terrain repräsentiert. Humorlosig, Egozentrisch und wettbewerbsgetrieben: das vereint Investmentbanking, Triathlon und SANTIGOLD. Die 12″ habe ich gottseidank wieder abstoßen können.

Und heute? In einem Interview zur neuen Platte erzählte sie, wie Dave Sitek (von TV ON THE RADIO) sie an eine Meditationslehrerin in Indien vermittelt habe, die schon ganz vielen Rockstars geholfen hätte. Und das sei ja so cool gewesen, weil die ja die ganzen Stars nicht kenne und ihr das auch egal sei, aber ihr (also SANTIGOLD) hätte das ja so geholfen, sich wieder zu fokussieren… Also, nichts gegen Meditation, aber das ist natürlich typisch für die neoliberale Klasse: Erst mit ihrer nervigen Attitüde der Umwelt möglichst viel auf den Sack gehen, um dann mit Yoga und Meditation wieder zum inneren Kern zurückzufinden. Obwohl: die meisten nutzen das sowieso als professionelle Entspannungstechnik im Rahmen konstanter Selbstoptimierung. So kann man „die letzen paar Prozente noch rauskitzeln“, um noch widerstandsfähiger und noch besser zu sein.

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The Fall and Decline of… (Teil 1): M83

(Luc) Eigentlich sollte diese Rubrik irgendwas mit „Tragödie“ heißen, weil sie sich um Protagonisten der Popkultur drehen soll, die eine große Fallhöhe zurückgelegt haben. In der klassischen Tragödie aber ist von Tragik die Rede, wenn der Held unverschuldet fällt. Das trifft in den Trauerspielen, von denen wir hier und in Zukunft sprechen müssen, nicht zu: Sie alle landen selbstverschuldet und wissentlich in der popkulturellen Gosse.

2003 war die Welt noch in Ordnung, denn M83 veröffentlichten „Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts“. Indietronics und IDM waren ganz oben und ich war mittendrin dabei. BOARDS OF CANADA hatten im Jahr zuvor „Geogaddi“ veröffentlicht und wir alle brannten CDs von ULRICH SCHNAUSS‘ „Far Away Trains Passing By“ für jeden, der nicht bis drei „Strokes“ sagen konnte. ISAN erbrachten mit „Lucky Cat“ den Beweis, dass man sich in die Soundteppiche eines MS-10 besser fallen lassen kann als in jedes Daunenplumeau. Und Morr Music aus Berlin haute eine faszinierende Scheibe nach der anderen raus. Nicht zuletzt mit dem SLOWDIVE-Sampler wurde klar gemacht, dass Electronica nicht der Spielplatz für dumbe Technonasen ist, sondern für die wissende Alternative-Gemeinde, die weiß, wo Mark und Rachel den Most herholen.

Gerade da kam der Zweitling von M83 raus und genau dieser Community fiel die Kinnlade herunter. Man rätselte, ob diese Wände aus Keyboards oder aus Gitarren kommt, ob es eine Band ist oder doch nur ein Loner im Schlafzimmerstudio. Zudem kam dieser Sound aus Südfrankreich, fernab von jeder Pariser Hipness. Dagegen war Weilheim metropolitan. Wer „Dead Cities“ auf Autofahrten, Zugreisen oder sonntagmorgens um halb Acht zuhause gehört hatte, wußte, dass alles gut werden wird, weil unsere Freunde aus Südfrankreich mit ihrer nächsten Platte wieder an die etwas verschrobenen Nerds denken werden.

Und genauso kam es dann auch. „Before the Dawn Heals Us“ hatte alles. Die poppige Leichtigkeit von „Don’t Stop“ oder „Teen Angst“ stand in einem gesunden Verhältnis zu Meisterwerken elektronischer Epik wie „Lower Your Eyelids To Die With The Sun“ (10 Minuten 40 Sekunden!). Es lief rauf und runter. Ich brannte „Before the Dawn Heals Us“ für jeden, der nicht bis drei „Wir sind Helden“ gerufen hatte (ich wohnte damals in Berlin). Und ich fuhr mit dem ICE extra nach Hannover, nur um auf der Fahrt durch die brandenburgische Einöde M83 hören zu können.

Ich besuchte die Webseite von M83 jede Woche um zu schauen, wann die nächste Lieferung kam. Damals waren M83 noch bei Gooom unter Vertrag und deren Webseite war genausowenig zu verstehen wie so viele französische Webseiten – und das lag nicht an mangelnden Sprachkenntnissen. Wie ich später erst verstand, passierte lange nichts, weil Nicolas Fromageau ausgestiegen ist. Damit schlug der Lennon-McCartney-Effekt mit voller Härte zu: ohne Fromageau ist Anthony Gonzalez nur zu Glückstreffern imstande. Aber das konnte ich damals noch nicht wissen. Im Gegenteil: ich nahm „Saturday’s Youth“ relativ objektiv auf. Auch ich weiß einen guten Popsong zu schätzen und erfreute mich so auch an „Kim & Jessie“. Ich schreie aus Prinzip nicht bei jeder Melodie sofort „Sell-Out“. Von WDR 2 waren M83 schließlich weit entfernt. Man verzeiht allzu konturlose Machwerke (oder gar Konzeptalben), wenn bei der nächsten Veröffentlichung wieder zum Kerngeschäft zurückgekehrt wird.

Doch dem war nicht so. Gonzalez meinte es ernst. Zu einem Ausflug in die Charts hätte ich vielleicht nichts gesagt. Hätt‘ mich zwar schockiert, wahrscheinlich hätte ichs noch kapiert. Aber er hat ja gleich auf Stadionpop gemacht. Auf „Hurry Up, We’re Dreaming“ kam der ganze hohle Kappes zum Vorschein. „Midnight City“ überzeugt zwar mit einer guten Idee im (bezeichnenderweise textlosen) Refrain, aber zu mehr reichts dann nicht. Stattdessen behelligt er uns mit einer aus amerikanischen Anwaltsserien abgekupferten Saxofoneinlage.

Jaja, ich weiß was ihr sagen wollt. Ironie und Augenzwinkern. Aber ich habe es gesehen und es war noch viel furchtbarer. Ich hatte M83 noch nie live mitgekriegt und hoffte natürlich auf „America“ oder eben „Lower Your Eyelids“ aber Geschichtsvergessenheit regierte das Uebel und Gefaehrlich im Februar 2012. Und als Holly und ich uns zu den 800 Leuten in den Pulk quetschten, verstand ich auch, wieso „Midnight City“ Platz zwei in den Intro-Jahrescharts wurden konnte. M83 waren inzwischen Konsens unter Sklaven des vorgekauten Indierocks, der durch den deutschen Musikblätterwald getrieben wird und so aufregend wie eine Folge Marienhof ist und der grauen Armada von frisch Zugezogenen, die ihre Ausbeutung in ihren Medienjobs durch eine gekünstelte Arroganz kompensieren wollen, deren Anstrengungen, möglichst bohemian zu wirken, ihnen jedoch umso fetter DORF auf die Stirn schreibt. Habt ihr euch im Kino jemals gefragt, wo denn der Club steht, in denen man mit einer Trendzigarette oder einem Mixgetränk euphorisch mit den Armen schwenkt und die superschlanken Mädchen dem bärtigen Drummer (oder DJ) vielsagende Blicke zuwerfen? Now you know. Dazu müßt ihr euch natürlich vorstellen, wie M83 ständig „Uhuhuhuuu-uhuhuuuhuuu“ und „Oyeo-Eo-Oye“ singen. Guuude Laune Leude!

Ich war aber auch naiv. Holly hört ja immer auf die Texte, aber an mir gehen so Perlen dann vorbei: „Flaming my every cell, you make me feel myself“, „There’s a magic inside just waiting to burst out“, „We’re walking in the streets or what’s left of them, I take your hand and the city is slowly vanishing“. Hier verdient sich Paulo Coelho wohl was dazu. Und auch sonst gehts eigentlich ständig nur über Autorücksitze, den Weltraum und ich und wir. Also das klassisch regressive Fluchtmotiv aus der romantischen Mottenkiste (vgl. Roadmovies, mit Sternenhimmel und offenem Verdeck und so). Sowas trifft in Hamburg auf eine fruchtbaren (und von eDarling und ElitePartner entsprechend vorgepflügten) Boden. Denn wie singt Gonzalez so schön: „The city is my church“. This is where we heal our hurts.

(Holly): Ihr denkt, Luc übertreibt? Wäre verbittert, zynisch, frustriert? Weit gefehlt. Ich war auch da und konnte Emquatrevingttrois recht anspruchslos entgegentreten – bei mir hatten die nix zu verlieren. Luc hatte auch mir eine von den frühen Alben gebrannt und heimlich unter meinen CD-Haufen geschoben, als ich sie dort, wahrscheinlich Monate später, entdeckte, und zugegebenermaßen nur einmal anhörte, war ich jedenfalls nicht unmittelbar überzeugt. Nicht, dass ich sonst nur Jamie Cullum hören würde, aber das war irgendwie so sphärisch, düster, frickelig. Entsprechend überrascht war ich als kurze Zeit später „Midnight City“ zum Spätsommerhit ausgerufen wurde. Im Uebel und Gefaehrlich war ich dann nicht nur vom passiv-aggressiven Publikum genervt (ich stand direkt am Durchgang zum Backstage-Bereich, und was da so hin und her lief, sah gänzlich spaßbefreit aus). Nun muss ich zugeben, dass ich mit Frauen auf Bühnen manchmal härter ins Gericht gehe, als mit Männern. Zudem mit Frauen, die sich ständig in ihren Haaren rumtüdeln. Vielleicht auch besonders hart mit Frauen, die sich ständig, in ihren Haaren rumtüdeln und dabei „Ooooh-oooh“ singen. Da musste ich noch nicht mal mehr auf den Text achten. M83 hatten zwar nichts zu verlieren bei mir, aber gewonnen haben sie auch nichts.

Discogs empfiehlt mir auf der Seite von „Hurry Up, We’re Dreaming“ übrigens FLEET FOXES, RADIOHEAD, JAMES BLAKE und BON IVER. Ich muß raus.

PS: Wer wissen will, wo der alte M83-Sound geblieben ist: Nicolas Fromageau ist mittlerweile bei TEAM GHOST aktiv und hat ein paar feine Platten auf dem ebenso feinen Sonic Cathedral-Label gemacht. Kein Grund für Kulturpessimismus also.