tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Kategorie: Devolution: Evidence and Answers

Kasabian, Franz Ferdinand und das Skelett

Neulich im Urlaub, Fernsehen mit ca 700 Programmen. Auf einem der undurchschaubar zahlreichen Zusatzsender der öffentlich rechtlichen laufen Konzertmitschnitte vom diesjährigen Hurricane-Festival. Auf der Bühne eine Gruppe mäßig ästhetisch anzuschauender, augenscheinlich betrunkener, mitteljunger Männer. Sie werfen die Köpfe in den Nacken, fletschen die Zähne, blasen die Backen, stolzieren seitwärts und mit angezogenen Knien über die Bühne. Dazu undefinierbares Gitarrengeschrammel. Holly verzieht das Gesicht. „Du meine Güte, wer ist das? Und was macht er da?“ Der Gitarrist der noch unidentifizierten Schreckenstruppe, dunkel- und langhaarig, viel zu schlaksig, turnt im vorderen Bühnenbereich herum, reckt die Arme in die Höhe, nickt dumpf mit dem Kopf. Augenscheinlich sehr betrunken. Oder sehr gelangweilt. Holly ist abgestoßen. Auch Luc verzerrt irritiert das Gesicht. „Ich glaube…das ist….Kasabian“. Holly denkt: „Achja, noch so eine englische Gitarren-Band mit K…Also das ist doch peinlich, was die da machen.“

Ein paar Tage später am Strand, schallendes Gegacker bei der Lektüre des Musikexpress. Jochen Overbeck fragt Franz Ferdinand, was aus dem Skelett vom letzten Album geworden sei. „Die, so erinnert sich McCarthy, habe man an die befreundete Band Sons&Daughters weitergegeben. ‛Die gibt es leider nicht mehr’, bedauert er. Nach einer Pause fügt Kapranos hinzu: ‛Vielleicht liegt ein Fluch auf ihnen. Vielleicht löst sich jede Band auf, die mit dem Skelett arbeitet. Wir sollten dafür Sorge tragen, dass es jemand bei Kasabian ins Studio schmuggelt.’“ Holly tanzt übrigens gerne zu „Love Illumination“.

That’s no way to get it on

(Holly:) Okay, eigentlich soll es hier vor allem um Pop etc. gehen. Ist aber nicht immer alles poppig. Gestern nacht erst schmerzlich gemerkt, im eigentlich sonst verlässlichen Tanzlokal um die Ecke. Statt des von meinem inneren Tanzbein dringend eingeforderten „Five Seconds“ spielt der zuständige Musikmacher nur Deltaradio-Pseudo-Indie-Geschrammel à la Babyshambles. Und als ich noch dachte „Na, zum Glück würden die hier nie Mumford & Sons spielen“ war es dann gleich hernach soweit. Manchmal denk ich ja, ich hätte telepathische Verbindungen zu DJs – nur gestern nacht haben wir uns irgendwie missverstanden.

Ein wenig hängen mir die drei Gimlets vom gestrigen früheren Abend doch noch nach. Mit Freundin D. in der hübschen Bar mit den violetten Wänden und den frischen Blumen auf dem Klo gewesen. Bisschen anbiedernd, aber ja, auch ich freu mich über Blumen und die Drinks schmecken ganz gut. D. berichtet anlässlich der aktuellen Sexismus-Debatte von einem französischen Kollegen, der Unverständnis äußerte über den bigott-pietistischen deutschen Glauben, am Arbeitsplatz dürften Geschlechter und Sexualität keine Rolle spielen. Nicht ganz unberechtigt, der Gedanke. Erfreulicherweise hat Sibylle Berg schon angemessen auf die naiv-empörten jungen Twitterinnen geantwortet.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sexismus, ebenso wie Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und ähnliche geistige Behinderungen sind weiter verbreitet als uns nur annähernd lieb ist und müssen unbequemerweise stetig und ständig angeprangert werden. Über  41 %  der  westdeutschen  Männer,  aber  auch  über  39 %  der  westdeutschen  Frauen  meinen, es sei für alle Beteiligten besser, wenn der  Mann  im  Berufsleben  stehe  und  sich  die  Frau  um  Familie  und  Haushalt  kümmere. In Ostdeutschland halbieren sich diese Haltungen übrigens locker (siehe hier). Wiedermal ein schönes Beispiel dafür, dass die Geschlechter-Sehstörung nicht angeboren ist. Dass Frauen übrigens fast ebenso sexistisch sind wie Männer, wird üblicherweise damit erklärt, dass sie sich ihr aufgezwungenes benachteiligtes Leben noch schön reden, um ihr positives Selbstbild zu erhalten (oder es per Vertrag absichern lassen, um das Gefühl zu haben, sie hätten etwas „ausgehandelt“ – vgl. „Shades of Grey“). Ungefähr aus demselben Grund erniedrigen sich so viele Frauen bereitwillig durch das nicht enden wollende Tragen von Slimfit-Jeans. Glaubt noch eine Frau, die „Brigitte“ liest, sie sei progessiv und emanzpiert, wenn die Chefredakteurin im Editorial damit kokettiert, dass sie versucht im Alltag Kalorien einzusparen, weil sie bei ihrem Mann vom Teller gabelt, anstatt sich selbst etwas zu bestellen (Brigitte 2/2013)?

Zurück zum Alltags-Sexismus: Sexismus bezeichnet geschlechtsbezogenes Denken und Handeln, das einen ungleichen Status von Männern und Frauen hervorbringt. An der aktuellen, im Kern so notwendigen und wichtigen, Debatte stört mich der sich aufdrängende Verdacht, dass einige der nun twitternden und offensichtlich betroffenen Frauen vor allem jenes Verhalten als übergriffig wahrnehmen, das sie bei in ihren Augen zu alten, zu dicken, zu armen oder zu wenig mächtigen Männern erleben. „Flirten“ hingegen ist okay, aber wer flirten darf, wird zugeschrieben. Aber nicht wundern, dass sich der chronisch zaudernde bärtige Hipster lieber gar nicht mehr sexuell geriert aus lauter Verunsicherung durch diese willkürlichen Zuschreibungen und die Schizophrenie, in Slimfit-Jeans nach Frauenquoten zu schreien und dann trotz Doktortitel doch lieber zuhause zu bleiben, weil es da gemütlicher ist.

Ja, ist nicht schön alles, schon gar nicht an regnerischen Sonntagnachmittagen im Januar, an denen man sich eigentlich von der harten Woche erholen wollte. Die Lösung? Sibylle Berg lesen und dabei „Twin Shadow“ hören.

Woman, Woman

(Holly:) Puh, eigentlich sollte an dieser Stelle eine „Es muss nicht immer Feist Sein“-Playlist mit feinsinniger entspannter Musik vorgestellt werden. Diese wurde dann, bevor der Text überhaupt geschrieben werden konnte, traurigerweise zur Terry Callier-Gedächtnis-Playlist. Doch dazu später mehr.

Holly hat wieder Zeit für die ZEIT! Spannende Themen diese Woche: Hausfrauen (Titel) und Schönheitswahn (Dossier)! Nachdem sich letzte Woche das ZEIT-Magazin schon mit einem empfehlenswerten Beitrag über Pädophilie hervorgetan hat (zudem man lieber nicht die Kommentare auf der ZEIT-Magazin-Facebook-Seite lesen sollte, es sei denn man plant just einen Amoklauf oder sonstige Anschläge aller Art), diese Woche also mehrere Beiträge zum gefährlichen Lebensmodell Hausfrau. Julia Friedrichs dokumentiert die Lebensrealität von (Haus)frauen in Zahlen: „70 Prozent der Niedriglöhner sind Frauen. 97 Prozent der Vorstandschefs der börsennotierten Unternehmen sind Männer. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, jede Dritte ist arm, hat also weniger als 1015 Euro im Monat, um sich und ein Kind zu versorgen. Das verfügbare Durchschnittseinkommen von Vätern dagegen steigt nach einer Trennung.“

Prima, dass die Koalition sich letzte Nacht so viele Gedanken gemacht, wie mit dieser Situation adäquat umzugehen ist! Im Hauptteil der ZEIT lobt dann Frau Rückert das Modell Hausfrau als Lebensmodell, welches sich gegen ein neoliberales Rattenrennen richte –  und glorifiziert die mächtige Position der Hausfrau in der vorindustriellen Gesellschaft. Ein paar Seiten später heißt es im Dossier: „Für eine Umfrage der Frauenzeitschrift Petra wurden im vergangenen Jahr 1000 Frauen gefragt, ob sie zehn Punkte ihres Intelligenzquotienten opfern würden, wenn sie dafür einen Schönheitsmakel ausgleichen könnten. Fast drei Viertel der Frauen antworteten mit Ja.“

Das alles ist ganz schön kompliziert. Das Hausfrauen-Modell als Gegenentwurf zum spätkapitalistischen Konkurrenzkampf zu erheben, kommt mir perfide vor. Sabine Rückert ist übrigens neuerdings stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT – Pro-Quote.de feiert das als Erfolg und sieht sich dafür deutlicher Kritik aus den eigenen Reihen ausgesetzt. Zu Recht? Es wird immer komplizierter. Ich hätte so gerne noch 10 IQ-Punkte mehr, dann könnte ich zu alldem vielleicht etwas Konstruktives beitragen. Im Moment bin ich einfach nur verwirrt, ich kann mich einfach nicht entscheiden, was an mir makellos genug ist, um es gegen mehr Intelligenz einzutauschen…

Also mache ich mich lieber an den Text zur Playlist: als zum Thema passenden Vorgeschmack empfehle ich Johnny Bristol: Woman, Woman