tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Monat: Dezember, 2013

Freitag der 13.

13(Luc) Unglaublich, es gibt für die Angst vor der freitäglichen 13. ein eigenes Wort. Paraskavedekatriaphobie. Fällt aber der Freitag den 13. in einen Dezember, dann feiern wir den Urknall der modernen Tanzmusik. Ab da an gings nur noch bergauf – oder bergab, je nachdem, wie mans sieht.

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Mein schönstes Ferienerlebnis

Luc und ich sind – für den regelmäßigen Leser vermutlich nicht überraschend – in einem Alter und in einer Lebensphase, in der es langsam erklärungsbedürftig wird, wenn man Festivals besucht. Ich spreche nicht von Jazz- oder Klassik-„Musiktagen“, auch nicht vom „Rolling Stone Weekender“. Nein, so richtig Festival. Mit Camping, Dixies, 3-Tage-Wach mit allem drum-und-dran. Es gibt aber durchaus Gründe, solcherlei Unternehmung auch entgegen guter rationaler Einwände auf sich zu nehmen – auch jenseits der prä-adoleszenten Phase und mit Bandscheibenproblemen. Naheliegend ist natürlich der Verweis auf den vermeintlichen Zweck solcher Veranstaltungen: viel Musik auf einmal. Ein weiterer Grund besteht im sinn- und zweckfreien Zeitverbringen mit gleichaltigen Gleichgesinnten (sofern man glücklich genug ist, derer im Freundeskreis noch vorfinden zu können). Drittens und am Wenigsten naheliegend aber nicht zu Unterschätzen ist die praktische Erprobung der eigenen Handlungskompetenz in sozialen Extremsituationen. Wie etwa reagiert man Samstags morgen um sieben, wenn die geschätzten Zeltnachbarn den Ghettoblaster aktivieren, und zwar nicht um Cafe del Mar Vol. 27 sondern Geheimtips wie die Cantina-Band zu goutieren? Exit, Voice, Loyalty?

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Festivals sind eine besonders schöne Form von Eskapismus. Bei manchen bedarf die Realitätsflucht Verkleidung und … uns reicht es schon, länger als 48 Stunden nicht zu Duschen und auch schon mal am nachmittag den ersten Gin Tonic zu trinken. Wir waren also auf dem Melt! Alle drei oben genannten Gründe trafen auf uns zu, berichtenswert ist an dieser Stelle allerdings natürlich vor allem die Musik.

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(Luc) Wenn nicht ein paar Freunde vehement auf unsere Teilnahme gedrängt hätten, wären wir wahrscheinlich auch gar nicht auf dem Melt! gelandet. Auch im Nachhinein zeigt sich, dass ein Festival nur bedingt der Ort für Newcomer ist, wenn man nicht wie von der Blogtarantel gestochen in die Hypemaschine gerät. London Grammar, MS MR, Rhye, The 1975, Chvrches und andere neue heiße Acts – da werden nur hartgesottene Hipster euphorisch. Vor allem um halb fünf nachmittags. Bei 35°. Im kleinen Laden kann man sich drauf einlassen, aber als eine Band unter vielen kann man sich fast alles schenken. Festivals sind also tendenziell undankbar: Chvrches schaue ich mir gerne im Frühjahr nochmal an, aber ich werde nicht schnurstraks von Django Django rüberrennen, nur um ja nichts zu verpassen. Was eigentlich heißt, dass mein nächstes Festival genausogut von Turbostaat, Thees Ullmann oder anderen zweitklassigen Kombos beschallt werden könnte. Das heißt auch, dass ich beim nächsten Mal weniger Ansprüche an das musikalische Programm stellen und ’ne Menge Geld sparen könnte. Trotzdem wird spätestens im Frühjahr wieder Line-Up um Line-Up verglichen, damit man wenigstens einigermaßen verläßliche und vermittelbare Kriterien für die Auswahl des/der Festivals hat. Im Intro Festivalguide hats ja auch noch keine Rankings auf der Syph- und Asiskala. Aber wie wir sehen, werden entsprechende Daten ja leider erst gar nicht erhoben. Stattdessen wird versucht, „Community“ zu messen…. TU Chemnitz: das üben wir noch!

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Fazit? Festivals sind anstrengend: wenig Schlaf, ewig lange Fußwege, ständiges Umhergeschleppe von Sonnencreme, Klamotten, Feuchttüchern, Smartphone-Zusatzakkus – Umstände, die – zumindest bei Gebrauch ausschließlich legaler Drogen – die tiefe, sinnliche Konsumtion rein elektronischer Musik erschweren. So richtig einfach war es also nicht, den perfekten Festival-Moment zu erwischen. Oft scheitert’s schon am Publikum: zu viel Gequatsche bei Mount Kimbie, die in eigentlich schöner Umgebung auf der Seebühne bei Mondschein spielen. Zu viel drogengeschwängerte Aggression bei Disclosure.

Manchmal kommt erschwerend hinzu, dass die Reizüberflutung durch Lässigkeit kompensiert wird und man sich am Rand sitzend statt in den vorderen Reihen tanzend wiederfindet, im Nachhinein eigentlich doof. So wie bei Austra etwa – oder bei The Knife, die zugegebenermaßen eine außer Konkurrenz schräge Performance darbieten. Manches fällt leider aus (Everything Everything), manches kommt unerwartet erfreulich dazu (Kraftklub).

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Django Django

Nur bei Django Django stimmte eigentlich alles: die Bühne (im Zelt!), das euphorische Publikum, eine reizende, smarte Band, die weiß, was sie zu tun hat – und mit Freude ihr Debutalbum von vorne bis hinten durchspielt. Die jubelnde Masse dankt es frenetisch. DIIV am Sonntagabend bestätigen den Eindruck: mit Gitarre geht’s live und draußen doch irgendwie besser.

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Nein, das ist nicht aus "Hell Teil 2", sondern Charlie XCX, frisch gebraten bei 35°.