tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Monat: Januar, 2013

That’s no way to get it on

(Holly:) Okay, eigentlich soll es hier vor allem um Pop etc. gehen. Ist aber nicht immer alles poppig. Gestern nacht erst schmerzlich gemerkt, im eigentlich sonst verlässlichen Tanzlokal um die Ecke. Statt des von meinem inneren Tanzbein dringend eingeforderten „Five Seconds“ spielt der zuständige Musikmacher nur Deltaradio-Pseudo-Indie-Geschrammel à la Babyshambles. Und als ich noch dachte „Na, zum Glück würden die hier nie Mumford & Sons spielen“ war es dann gleich hernach soweit. Manchmal denk ich ja, ich hätte telepathische Verbindungen zu DJs – nur gestern nacht haben wir uns irgendwie missverstanden.

Ein wenig hängen mir die drei Gimlets vom gestrigen früheren Abend doch noch nach. Mit Freundin D. in der hübschen Bar mit den violetten Wänden und den frischen Blumen auf dem Klo gewesen. Bisschen anbiedernd, aber ja, auch ich freu mich über Blumen und die Drinks schmecken ganz gut. D. berichtet anlässlich der aktuellen Sexismus-Debatte von einem französischen Kollegen, der Unverständnis äußerte über den bigott-pietistischen deutschen Glauben, am Arbeitsplatz dürften Geschlechter und Sexualität keine Rolle spielen. Nicht ganz unberechtigt, der Gedanke. Erfreulicherweise hat Sibylle Berg schon angemessen auf die naiv-empörten jungen Twitterinnen geantwortet.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sexismus, ebenso wie Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und ähnliche geistige Behinderungen sind weiter verbreitet als uns nur annähernd lieb ist und müssen unbequemerweise stetig und ständig angeprangert werden. Über  41 %  der  westdeutschen  Männer,  aber  auch  über  39 %  der  westdeutschen  Frauen  meinen, es sei für alle Beteiligten besser, wenn der  Mann  im  Berufsleben  stehe  und  sich  die  Frau  um  Familie  und  Haushalt  kümmere. In Ostdeutschland halbieren sich diese Haltungen übrigens locker (siehe hier). Wiedermal ein schönes Beispiel dafür, dass die Geschlechter-Sehstörung nicht angeboren ist. Dass Frauen übrigens fast ebenso sexistisch sind wie Männer, wird üblicherweise damit erklärt, dass sie sich ihr aufgezwungenes benachteiligtes Leben noch schön reden, um ihr positives Selbstbild zu erhalten (oder es per Vertrag absichern lassen, um das Gefühl zu haben, sie hätten etwas „ausgehandelt“ – vgl. „Shades of Grey“). Ungefähr aus demselben Grund erniedrigen sich so viele Frauen bereitwillig durch das nicht enden wollende Tragen von Slimfit-Jeans. Glaubt noch eine Frau, die „Brigitte“ liest, sie sei progessiv und emanzpiert, wenn die Chefredakteurin im Editorial damit kokettiert, dass sie versucht im Alltag Kalorien einzusparen, weil sie bei ihrem Mann vom Teller gabelt, anstatt sich selbst etwas zu bestellen (Brigitte 2/2013)?

Zurück zum Alltags-Sexismus: Sexismus bezeichnet geschlechtsbezogenes Denken und Handeln, das einen ungleichen Status von Männern und Frauen hervorbringt. An der aktuellen, im Kern so notwendigen und wichtigen, Debatte stört mich der sich aufdrängende Verdacht, dass einige der nun twitternden und offensichtlich betroffenen Frauen vor allem jenes Verhalten als übergriffig wahrnehmen, das sie bei in ihren Augen zu alten, zu dicken, zu armen oder zu wenig mächtigen Männern erleben. „Flirten“ hingegen ist okay, aber wer flirten darf, wird zugeschrieben. Aber nicht wundern, dass sich der chronisch zaudernde bärtige Hipster lieber gar nicht mehr sexuell geriert aus lauter Verunsicherung durch diese willkürlichen Zuschreibungen und die Schizophrenie, in Slimfit-Jeans nach Frauenquoten zu schreien und dann trotz Doktortitel doch lieber zuhause zu bleiben, weil es da gemütlicher ist.

Ja, ist nicht schön alles, schon gar nicht an regnerischen Sonntagnachmittagen im Januar, an denen man sich eigentlich von der harten Woche erholen wollte. Die Lösung? Sibylle Berg lesen und dabei „Twin Shadow“ hören.

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Es muss nicht immer „Feist“ sein

Holly: Der graue November hat ein Pendant: den Februar, dessen einziger Vorzug darin liegt, dass er nicht so lang ist wie der November. Ansonsten ist er aber vor allem: kalt – und der ersehnte Frühling ist noch mindestens einen ganzen März und einen halben April entfernt. Die Abende sind also weiterhin lang und ein bisschen jammerig, ist man doch wieder mit weniger Elan ins neue Jahr gestolpert als erhofft. Für diese Abende präsentiere ich nun die passende Playlist. Melancholie ohne Kitsch, nie ohne Hoffnungsschimmer. Wem Feist und Kings of Convenience zu ordinär, „Moon Safari“ zu erinnerungsbeladen und Phoenix schon zu flott sind, dem sei hiermit hoffentlich geholfen: Keine Schmachtfetzen, kein Schmerzelegien, ein wenig Soul, etwas mehr Lakonie.

Als Referenzpunkt dieser Playlist fungiert Terry Calliers kleines Meisterstück „Ordinary Joe“. Callier verschied leider im Oktober 2012 und gehörte wohl unbestritten zu den großen Unterschätzten und Verhinderten der Musikgeschichte. Genreübergreifend wie Bill Withers mit deutlicher Chicago-Prägung war er immerhin 40 Jahre lang aktiv. Seine stille und etwas kryptisch-lyrische Hymne über den citoyen moyen ist zu zauberhaft um sie in ihre Bestandteile zu zerpflücken. Die vermeintlich leicht klingende Orgel vermag es nicht, über die Eindringlichkeit der erzählten Geschichte hinwegzutäuschen und so entsteht die einmalige Stimmung aus Tragik, Hoffnung und und Trotz. Unerreicht!

Dream Pop ist voll angesagt und in den einschlägigen Postillen wird Chris Rea rehabilitiert. Was aber ist mit „The Year of the Cat“, Al Stewarts Kassenschlager von 1976? Doch nicht der Titelsong und auch nicht das etwas zu dramatische „On the Border” passen perfekt zu unserem Referenzsong, sondern „Midas Shadow“. Auch hier bestechen die etwas weniger zackige Orgel und der lakonische Erzählton, wäre dieser Song ein Haarpflegeprodukt, es würde reinigen und pflegen ohne zu beschweren.

Erinnert sich noch jemand an Badly Drawn Boy? Vor ein paar Jahren, als bereits nicht mehr viele Hähne nach ihm krähten, und ich gerade in etwas zerrüttetem Zustand war, tauchte er wie ein Messias aus meiner Musikbliothek wieder auf, und siehe da, Perlen wie „Another Devil Dies“ und „Welcome to the Overground“ holten mich nach und nach, mit jedem Hören, ein bisschen weiter heraus, aus meinem von Seelenteufeln bevölkerten inneren Untergrund. In den letzten Monaten war auf Damon Goughs Facebook-Seite zu lesen, dass es ihm nicht gut zu gehen scheint. Das macht mich noch dankbarer und demütiger, und auch ein bisschen hilflos. In diese Liste gehört „Stone on the Water“. Mehr als die Hälfte des Songs besteht aus dem Intro, in dem melancholische Gitarren und ein nachdenkliches Klavier elegant mit lakonischen Gitarren kommunizieren. Und wenn man es schon nicht mehr erwartet, beginnt der Gesang. Keine Strophe, kein Chorus, genauso unvollendet wie das noch junge Jahr.

Roxy Music sind natürlich ein Fixstern im Tentativism-Universum und bedürfen hier keiner weiterer Lobhudelei. Bei „Avalon“ wird es Zeit, den Tee mit einem Schuss anständigem Rum anzureichern. A propos Rum: ich vermute Van Morrison bevorzugt irischen Whiskey, aber abgeneigt war die alte Saufnase Hochprozentigem im Allgemeinem wahrscheinlich nie. Mir vorzustellen, dass er circa knappe 23 war als er das magische „Moondance“ schrieb, das beeindruckt mich immer wieder sehr. Ich kenne ein paar Jungs in dem Alter. Im Trinken sind die zwar auch alle gut, aber Songs schreiben tut da keiner. Eignet sich übrigens auch gut für Karaoke, selbst für Frauen (die gern irischen Whiskey trinken).

Und täusche ich mich, oder ist nicht nur Chris Rea sondern auch Fleetwood Mac wieder im Trend (siehe oben)? Neulich lief „Go Your Own Way“ tatsächlich in diesem Studentenschuppen an der Bahnhofsmeile. Und dann das Hot Chip Live-Cover von „Everywhere“, geniale Wahl. Mir egal, ob’s Trend ist, Fleetwood Mac gehörte bei mir zum frühkindlichen Musikerziehungsprogramm und sorgt deshalb für wohlige Nostalgie. „Sara“ passt nicht nur gut aufs abendliche Sofa, sondern eigentlich besser ins Auto, auf jeden Fall toll. Dramatisch und trotzdem abgeklärt. Und doch so dringlich.

„Suburban Light“ von The Clientele war das erste Album, das mir Luc geschenkt hat. Das macht es für mich besonders, aber unbestritten eignet es sich auch sonst hervorragend für Stunden zwischen wohligem Rückzug, Zweifel, Verdruss und Optimismus. Einfach durchhören, oder passend zum Wetter „Rain“ auf Repeat stellen. Schmachten. Und Rum nachschenken. Ein wenig in Erinnerungen schwelgen. Zum Beispiel neulich, im Silvester-Urlaub. Am letzten Tag des letzten Jahres traditionell das Konzert-Programm auf 3Sat verfolgt. Am nachmittag das Wieder-Wieder-Vereinigungs-Konzert von Simon & Garfunkel in New York 2004. Ich versuch noch cool zu bleiben, immerhin sitzt Luc neben mir, aber dann doch wieder Gänsehaut und brennende Augen bei der dritten Strophe von „Sounds of Silence“. Faszinierend, aber zu kitschig für den hier verfolgten Zweck. Stattdessen perfekt: „Fifty ways to leave your lover“.

Möglicherweise beschäftigt sich ein zukünftiger Beitrag dieses Blogs mit Songs, die zu kurz geraten sind. Der letzte dieser Playlist gehört dazu: Tim Hardins „Reason to believe“. Irgendwann muss ich in Ruhe darüber nachdenken, ob ich es schal finde, Musik zu hören von Menschen wie Hardin, Nick Drake oder Elliott Smith, die ja fast Jesus-artig zu empfänglich waren für ihren Schmerz und den Schmerz der Welt, es trotzdem schafften, ihn auf tragisch-schöne Weise produktiv zu wenden, und dennoch daran zugrunde gingen. Andererseits sollte es doch darum gehen, das künstlerische Werk losgelöst von der Person des Künstlers zu würdigen. „Reason to believe“ ist der Inbegriff der resignierten Liebe, aber auch resignierte Liebe ist eben immer noch, was sie ist.

So. Damit dürfte der Februar ein bittersüßes Vergnügen werden. Und demnächst hier: Holly’s Best-of-Spring-List!