tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Monat: Oktober, 2012

The Fall and Decline of….(Teil 2): Santigold

(Luc) Ich gebe zu, ich höre anfangs nie so genau hin. Eine Hookline, eine gute Idee im Song reicht, um mich auf seine Seite zu ziehen. Erstmal begeistert, fällt es schwer, mein Urteil zu revidieren. Sowas will man sich ja nicht eingestehen, stattdessen will man stilsicher sein: Bei den ersten Tönen mit Bestimmtheit „cooler Scheiß“ ausrufen zu können. So geht es den meisten im Popuniversum.

L.E.S. Artistes ist halt auch ein gutes Lied. Wie der Bass die Strophe begleitet und besonders, wie der Break zum Refrain den Beat vermissen läßt, so dass die Wall of Sound etwas verzögert reinkommt. Ja, an solchen Kleinigkeiten trennt sich guter Pop von Rock und Techno. Ich hatte mit die 12″ („I Believe in Santogold“) sofort besorgt, mit „Creator“ auf der Flipseite, alles in Butter, ich war zu bedingungslosem Fantum bereit.

Bis ich die ersten Interviews las. Mir stieß da schon die Story SANTIGOLDs bitter auf. Sie kommt mit einer Familientragödie im Gepäck nach New York, wo sie aber statt künstlerischer Befreiung nur Hipstertum bekam. Und sie biß sich durch, um es am Ende der Szene auf der Lower East Side mit diesem Song heimzahlen zu können. Dabei war 2008 die Lower East Side bereits so hip wie München-Schwabing. Da zogen bereits die Horden mit Hipsterbärten nach Williamsburg, um dort die alteingesessene (jüdische) Bevölkerung wegzugentrifizieren. Die Avantgarde wohnt in Brooklyn, in Manhattan gibts nur Carrie Bradshaw und Moby. Da gegen die Lower East Side zu feuern, während man selbst in Brooklyn die Künstlerin raushängen läßt, ist etwas billig.

Viel schlimmer fand ich aber die heldenhafte Pose Frau Whites. Ich saß einer Fehlinterpretation auf. Das Album fand ich sehr unterhaltsam: Clubtaugliches, Tracks fürs homelistening, „I’m a Lady“ fand ich schön ironisch und auf „Unstoppable“ keckert sie wie ein Wellensittich. In Interviews hingegen betonte sie jedoch immer wieder, wie wichtig es sei, gut zu sein. Nicht nur hip zu sein (das können alle), sondern auch Qualität zu haben. Da dachte ich: holla. „Gut sein“ ist ein Kriterium, was heutzutage nur noch in Castingshows ernsthaft als Bewertungskriterium herangezogen wird. Die Zeiten sind echt vorbei, in denen wir Musik hörten, weil sie von „guter Qualität“ ist (leider kommen solche reaktionären Standards wieder häufiger vor: GRIZZLY BEARs neue Platte verzückte einen Kritiker auf Radioeins (RBB), weil sich der Rhythmus zwar ganz einfach rüberkommt, aber wenn man genauer hinhöre, man merkt, dass der doch schon ziemlich vertrackt ist, was man aber eigentlich nur hören kann, wenn das Ohr etwas Jazz-geschult sei…).

Und es geht um „Toughness„. Oh mein Gott. Hier werden dann echt die ollsten Attitüden der Hip-Hop-Historie rausgekramt, die vielleicht Anfang der 80er in der South Bronx noch verständlich waren, aber nicht im Brooklyn der 2000er. Diese grunddarwinistische Haltung, nach der man im „Battle“ bestehen muß und man nur mit Toughness in der Härte der Stadt überleben kann, kotzte mich schon immer an. Ständig seine Qualitäten vor sich her tragen zu müssen und Härte zeigen – das ist schon im Alltag eine verachtenswerte Eigenschaft. Die will ich nicht noch in meiner kulturellen Freizeit vorgekaut bekommen. Und so blühte mir dann irgendwann, dass SANTIGOLD die neoliberale Ideologie auf popkulturellem Terrain repräsentiert. Humorlosig, Egozentrisch und wettbewerbsgetrieben: das vereint Investmentbanking, Triathlon und SANTIGOLD. Die 12″ habe ich gottseidank wieder abstoßen können.

Und heute? In einem Interview zur neuen Platte erzählte sie, wie Dave Sitek (von TV ON THE RADIO) sie an eine Meditationslehrerin in Indien vermittelt habe, die schon ganz vielen Rockstars geholfen hätte. Und das sei ja so cool gewesen, weil die ja die ganzen Stars nicht kenne und ihr das auch egal sei, aber ihr (also SANTIGOLD) hätte das ja so geholfen, sich wieder zu fokussieren… Also, nichts gegen Meditation, aber das ist natürlich typisch für die neoliberale Klasse: Erst mit ihrer nervigen Attitüde der Umwelt möglichst viel auf den Sack gehen, um dann mit Yoga und Meditation wieder zum inneren Kern zurückzufinden. Obwohl: die meisten nutzen das sowieso als professionelle Entspannungstechnik im Rahmen konstanter Selbstoptimierung. So kann man „die letzen paar Prozente noch rauskitzeln“, um noch widerstandsfähiger und noch besser zu sein.

„Das hat der sich doch nur ausgedacht!“

als Hiltrud das erste und einzige Mal diese Wohnung betreten hat, fand sie es nötig, die Arbeiten auf dem Fußboden mit strengem Blick zu mustern und dann in pikiertem Tonfall zu erklären: „Ich weiß nicht, für wen so etwas gut ist. So eine Kunst. Wer so etwas anschaut – ich mag ja nun auch moderne Sachen, Chagall oder Magritte, abstrakte Malerei, aber meine Freundin Martina, die ein Geschäft hat, in dem auch Kunst verkauft wird, Postkarten, Drucke, sagt immer: Ein Künstler muß uns Freude machen, sonst ist er kein Künstler.“ Dietmar Dath, Dirac

(Luc) Aufmerksame Leser werden sich erinnern: im Sommerloch meldete sich Holly zur Besprechung von Houellebecqs „Elementarteilchen“ durch Clemens Setz zu Wort. Dort wurde schon deutlich, dass Setz sich in seiner Interpretation von der herrschenden Lehre absetzt: sowas wie Houellebecq kann angesichts des Zynismus nicht schön zu lesen sein. Jetzt hat Setz durch die Veröffentlichung von „Indigo“ den Wanst selbst in Schußhöhe.

Der Vorwurf, Houellebecq wäre zynisch, erhebt den Anspruch an Literatur, dass sie vornehmlich Trost spenden soll. Der Griff zum Buch soll erheitern oder ablenken – zuallermindest scheint es legitim zu sein, Werke dafür zu kritisieren, dass sie dies nicht tun. Dazu kommt bei Houellebecq, dass bei ihm deutlich wird, dass es Fiktion ist. Im Englischen redet man von „Fiction“, auch wenn es sich um einen Jugendroman handelt. Damit wird deutlich, dass es eben erfundene Geschichten sind. Erfundene Geschichten sind jedoch nicht beliebt, erst recht nicht, wenn sichtbar ist, dass sie erfunden sind.

Authentizität ist hier der Kampfbegriff, der „das Gute“ mit „dem Echten“ zusammenbringt – hier treffen sich dann auch die ganzen „Manufakturen„, in denen das Handwerk glorifiziert wird, mit vielen Anhängern der Singer/Songwriter. In dem Genre finden wir den Typus des „Liedermachers“ selten. Warum? Weil er politisch ist. Der Singer/Songwriter ist aber apolitisch: er singt und klampft über das Leben als solches, seins in speziellen und eigentlich aber über jenes von uns allen. Bob Dylan und Michael Stipe mag man, bei aller Grausligkeit ihrer Musik, anrechnen, dass sie dieses Identifikationsbedürfnis stören, indem sie ständig betonen, dass sie sich das alles komplett ausgedacht haben. Der Singer/Songwriter denkt sich aber nichts aus, denn er singt über das „echte Leben“.

Das gilt auch für das geschriebene Wort. In einer Zeit, in der Literatur als Lebenshilfe mißbraucht wird, können Autoren nur dann punkten, wenn sie genügend Identifikationspotenzial für die Leserschaft bieten. Je mehr desto besser. Mit Houllebecqs Figuren will sich aber niemand identifizieren. Die ultimative Kapitulation vor den Verhältnissen wird in den Sippenromanen des 21. Jahrhunderts geliefert. Hier kann man sich nicht nur schön in die Personen reindenken, sie kreisen sich auch schön übersichtlich um ein archaisches Mikrouniversum der Familie. Den zerfallenden Dynastien der westlichen Gesellschaften werden damit noch schnell kulturelle Denkmäler gesetzt, die sie „larger than life“ machen sollen.

(Jetzt wirds intellektuell) Diese Tendenzen der Alltags- und Familienprosa spiegelt eigentlich genau das wider, was damals bei Adorno & Horkheimer über das Hollywoodkino geschrieben wurde. Auch die Literatur, die in die Charts will, muss attraktive Persönlichkeiten, einen klaren Ablauf und viel Emo drinhaben. Den Plot sollte man nach Möglichkeit nicht als Konstruktion erkennen. Sowas wie „Indigo“ von Clemens Setz steht dem komplett entgegen. Und weil es sich so vehement von der Vorherrschaft des Eskapismus, des Cocoonings absetzt, reagiert das Establishment (hier in der Form des SPIEGELS) mit einer bekannten Strategie der Ausgrenzung: sie macht sich drüber lächerlich, indem es das Buch als „Mumpitz!“ abkanzelt. Erstaunlicherweise macht die FAZ da nicht mit sondern empfiehlt das Setz’sche Werk geradezu.

„Postmodern“, wie die FAZ es charakterisiert, ist allerdings nicht das passende Attribut für solche Bücher. Es gehört ja geradezu zum Kern der Moderne, sich Utopien, Fiktionen, vor allem bessere Welten zu denken. Inzwischen ist aber die Kohorte zeitabovollzahlerreif, die die letzten 15 Jahre mit verblödender Alltagsprosa ihre literarische Kinderstube bestritten haben. Sie ist deswegen verblödend, weil – so zeigt die Kritik – Leser von fiktionalen Konstruktionen scheinbar zunehmend überfordert sind. Es scheint, als ob es den Leuten immer schwerer fällt, mit alternativen Welten, multiplen Realitäten umzugehen. Es gibt nur eine Welt, und an der wird Kultur gemessen, wenn sie nicht gerade als SF oder Trash durchgehen will. Das über-die-aktuellen-Verhältnisse-hinausgehen war jedoch im 20. Jahrhundert der Inbegriff jeder modernen Kunstauffassung. Auch das ist wieder bei den ollen Frankfurtern nachzulesen. Ungefähr zeitgleich begann ja auch die Rezeption von Musil, quasi das Manifest des modernen Weltbezuges in der Literatur. Heute finden wir das in offensiver Form u.a. bei Dietmar Dath, der angesichts der Dummheit der Verhältnisse stets gezwungen zu sein scheint, darauf hinzuweisen, dass Fiktion als solche essentiell ist. Denn wer es schon beim Lesen nicht schafft, über die Verhältnisse zu sehen, der schafft es auch nicht politisch. Wenn Trost allerdings die Hauptfunktion von Literatur ist, kapituliert sie vor den Verhältnissen, die den Menschen so frustrieren, dass er es ohne Trost nicht mehr in ihnen aushält.

Gelungene Covers #2: John Frusciante

(Holly.) Luc hat endlich die Kategorie „gelungene Cover-Versionen“ eröffnet, das reißt auch mich aus meiner Schreibstarre! Wobei die Schreibstarre vor allem einem besonders hartnäckigen Broterwerbs-Projekt geschuldet ist. Ebenjenes Projekt kostet mich derzeit beträchtlich Nerven und Aufmerksamkeit, und zwar in dem Maße, dass ich seit einigen Tagen nur noch einen nicht weiter namentlich zu nennenden Radiosender ertrage, der garantiert keine nach 1989 aufgenommene Note sendet, jedoch seine Heavy Rotation durchaus auch mit weiter zurückliegenden Jahrzehnten befüllt (ich rede nicht von Klassik-Radio). Klingt grenzwertig, aber der Zweck heiligt momentan die musikalischen Mittel, und „Why Can’t this be Love“, „Life is for Living“ und „Wuthering Heights“ sind da auf wundersame Weise zuträglich.

Zwischendurch läuft auch mal Cat Stevens und das erinnert mich an eine frühe romantische Phase meiner Jugend, als ich meinen ersten Liebeskummer in „Nights in White Satin“ aufweichte und „Morning has broken“ und „Killing me softly“ zum Pflichtrepertoire im Musikunterricht gehörten. Zurück zu Cat Stevens, wegen meiner Jugend kann ich den jetzt nicht mehr unbeschwert genießen, aber mir fällt auf, dass mir seine Stimme doch irgendwie gefällt, ja vielleicht sogar ein wenig fehlt, ab und zu. Und damit bin ich bei meiner gelungenen Cover-Version, wenngleich sie als Live-Darbietung ein bisschen aus der Kategorie fällt. Im Jahr 2007 singt der dieses-Mal-wohl-für-immer-Ex-Red Hot Chili Peppers-Gitarrist John Frusciante eine Solo-Version von Cat Stevens „How Can I Tell You“. Wäre da nicht das eher zeitgemäße Konzertgejohle im Vordergrund der Youtube-Aufnahme, man würde schwören, es wäre Mr. Stevens selbst, der da singt. Und nicht nur das, der Auftritt gehört mit zum Herrzerreißendsten, was ich je auf Youtube finden konnte. Jemand schrieb mal treffenderweise zu einem der ersten von Johns Solo-Konzerten, Frusciante auf der Bühne erinnere an einen Welpen, der sich vor Aufregung selbst anpinkelt.

Vermutlich fehlt mir nicht Cat Stevens Stimme, sondern John Frusciante, der für alles steht, was je gut war an RHCP (abzüglich dem Part, für den Rick Rubin verantwortlich war). Ein Genie, ein Musikverrückter, eine für diese Welt vermutlich viel zu empfindsame Seele. Die Schmerzintensität und Melancholie in Frusciantes Musik erinnern zwar an Elliott Smith, dennoch ist da immer auch dieser Lebens- und Liebeshunger und die positive Kraft, die Californication zu einem der beeindruckendsten Alben der neunziger Jahre gemacht haben. Ich bin zu zwei RHCP-Konzerten gegangen, weil ich die Momente des improvisierten Zusammenspiels von Flea und John Fruciante geliebt habe, glücklicherweise gehörte zu diesen beiden Konzerten auch das Hamburger von 2003, bei dem Michael Rother später auf die Bühne kam. Leider war ich damals noch ein wenig zu jung, um die Bedeutung dieser Zusammenkunft tatsächlich wertschätzen zu können.

Frusciantes Ausstieg aus der Band, die zunehmend keine Band mehr war, sondern ein Showzirkus, war konsequent. Auf dem letzten RHCP-Album scheint, wie sogar die ZEIT schrieb, etwas zu fehlen „dort, wo die Musik ihre Seele haben sollte“. Frusciante hat sich selbst durch seinen Buddy Josh Klinghoffer ersetzt, der seine Sache sicher gut macht. Er selbst macht inzwischen Elektro und nimmt Alben mit RZA auf – und das scheint nur eine weitere logische Konsequenz seiner allumfassenden, existentiellen Liebe zur Musik zu sein.

Gelungene Covers # 1: Torre Florim

(Luc) Wir alle wissen: mit Coverversionen ist das so eine Sache. Ähnlich wie ein Remix, macht ein Cover fast immer aus einem guten Song einen mittelmäßigen Abklatsch, wohingegen ein Remix oder Cover ein schlechtes Lied selten gut macht. Man kann also beim Covern viel verlieren und nur wenig gewinnen. Ich kann jede junge Band verstehen, die, auf der Suche nach dem eigenen Sound, sich erstmal an der Popgeschichte abarbeitet. Aber öffentlich? Das kann schnell peinlich rüberkommen, wenn man mit voller Inbrunst einen Song darbietet, in dem gar nichts von einem selbst steckt. Die Zeiten von Elvis sind lange vorbei. Ironie kann funktionieren, wenn man den Humor hat –  wenn man keinen hat, kommt dabei sowas albernes raus wie SENOR COCONUT oder NOUVELLE VAGUE.

Zwischendurch tauchen allerdings Perlen auf und natürlich bemächtigen wir uns auch auf Tentativism diesem beliebten Kneipenthema. Gerade frisch erschienen ist diese schöne Sache: 

Florin macht sich den Hit völlig zueigen, dunkler und „eerier“ als das Original jemals sein konnte. Und das alles geplant. Ganz groß.

Wenn nur genug Leute dächten, dass Torre Florim, dem Namen nach zu urteilen, aus Skandinavien käme, wäre ihm Ruhm und Ehre sicher. Aber er kommt aus Nijmegen und holländische Popmusik hat immer noch einen schweren Stand, obwohl dort seit Jahren ganz gute Sachen passieren. Wie z.B. DE STAAT, das frühere Projekt von Florim. Aber zur Lage des holländischen Pops dann später mehr.