The XX: Rückzugsgefechte

von Tentativism

(Luc) Als THE XX heiß waren, also im Herbst 2009, kam ich gerade nach England. Ich sollte ein paar Monate im Nordwesten arbeiten. Ich hatte weder ein Büro noch eine Wohnung in Aussicht, mietete mich also in einem B&B an der Küste ein und verbrachte die ersten Tage mit der Wohnungssuche. Und abends lag ich in meinem 6qm-Zimmer, schaute auf die flache See oder auf den Fernseher. Irgendwann lief „Later… with Jools Holland“, eine der feinsten Orte für Livedarbietungen guter Musik (Großartig z.B. der PRIMAL SCREAM-Auftritt mit „Swastika Eyes“!). Ich freute mich auf heiße britische Popmusik aber dort spielte nur THE XX.

Ich weiß, viele werden jetzt denken: „Wie toll, so stimmungsvoll! Ganz alleine mit dem Meer und dieser tollen Musik!“. Weil, THE XX ist ja so schön heimelig und kuschelig. Das wurde gerade nochmal im SPIEGEL bestätigt. Mit THE XX will man unter einer Decke sein, alleine sein, intim sein. Hach ja, schön muckelig. Der perfekte Soundtrack zum Bio-Coccooning der neuen Jungspießer. Und das jetzt sogar mit Indie-Coolness-Siegel! Wenn es ein Qualitätsmerkmal für Popmusik sein soll, klanggewordene Norwegersocken zu sein, dann ist in den letzten Jahren einiges falsch gelaufen. Statt der Möglichkeit, ein besseres Leben zu haben oder zumindest ein anderer Mensch sein zu können (die Essenz des 80er-Hedonismus), dient Musik jetzt scheinbar nur noch zum Einrichten im mehr schlecht als rechtem Jetzt. Es stimmt aber: THE XX sind die ideale Musik für Huscherchen der Generation Praktikum (oder wo sie sich jetzt gerade rumtreiben), die eh‘ schon ständig darüber klagen, wie schwer sie es haben.

Die musikalische Entsprechung: schlimmstenfalls belangloses Café-Gedudel, bestenfalls ein unglaublich farb- und einfallsloses Geklampfe. Zur kammermusikalischen „Reduktion“ (so der Spiegel-Rezensent) gesellt sich eine gesangliche, insbesondere bei Oliver Sim, der stets in einer Tonlage rumnölt, dabei aber in seiner Angestrengtheit, möglichst „intensiv“ zu singen, unglaublich verklemmt klingt (Madley Croft gehört mit gutem Willen noch in die Kategorie FEIST, deren Gekrächze ja durchaus Charme hat). Dass FLORENCE & THE MACHINE sich an dem Club-Klassiker „You Got the Love“ vergriffen hat, ist schon ein Affront für Candi Staton. Der Remix von THE XX allerdings ist eine Demütigung. Hier soll ein Exempel statuiert werden: Gegen Leidenschaft und Lebensenergie, für Lethargie und Zynismus.

Die neue Platte „Coexist“ klingt genauso wie der Erstling. Warum sollte man auch das Rezept ändern? Wir sind gespannt, ob bei der dritten oder vierten Platte dann von den heute noch wohlwollenden Kritikern „fehlende Innovation“ beklagt wird. Immerhin: auf „Reunion“ hört man Steeldrums.

Nachtrag: Wie gestern in der ZEIT bekannt wurde, teilt nicht nur der SPIEGEL die Begeisterung für die spiessigen Kammermusikanten aus England. Hier noch viel schlimmer: Eine Popband wird dafür gelobt, dass sie mit ihren Eltern dicke ist. Soviel Verblendung kann nur in bürgerlichen Kreisen existieren, in denen ja die „Aussöhnung mit der Elterngeneration“ eine Hauptbeschäftigung ab 30 ist. Entsprechend werden THE XX als Erfolgsprodukte einer guten frühkindlichen Musikerziehung (…“auf orffschen Instrumenten herumgeklöppelt“) präsentiert. In einem aber unterscheidet sich die ZEIT vom SPIEGEL: während der SPIEGEL mit THE XX heimelig unter die Decke kriechen will – wo irgendwann die Luft dünn wird -, will die ZEIT durch THE XX „in einer immer enger werdenden Welt freier Atmen“. Ich sags ja: Musik für jammernde Huscherchen.

Wieso Thomas Gross allerdings stets den Kontrast zur mackerhaften Rockerpose herstellt, ist schleierhaft: THE XX sind von Rock so weit entfernt, man könnte diese „Verweigerung“ genausogut bei APHEX TWIN hervorheben. Überhaupt existiert diese Attitüde schon seit Punk (Also seit 30 Jahren) nur noch in der karikierten (THE DARKNESS) oder reaktionären (NICKELBACK, KID ROCK) Form. Das ist nun wirklich ein „Easy Target“, um eine Andersartigkeit zu begründen, die in der Musik und der Rezeption von THE XX nicht enthalten zu sein scheint.

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