tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Monat: September, 2012

We had crazy fucking times till her visa card expired.

Leichtfertig vergebene Chancen #1: mclusky

(Luc) Die Nadel fällt in die Rille, ein wenig leichtes Knistern, abgelöst von schnellen Sechzehnteln auf der geschlossenen Hi-Hat. Plötzlich macht es Rums und schlagartig setzt der hektische Gesang ein, als ob Mr. Chapple auf der Flucht wäre. Aber schnell wird klar: der Mann hat Brass. Und zwar auf so ziemlich jeden. Spätestens bei „Collagen Rock“ hat dann auch jeder verstanden: dem Mann möchte man nicht im Dunkeln begegnen.

It’s easy to say now, their trainers seemed fine and their hair was a fucking delight.

Ich kam per Zufall zu mclusky. „Adam was a Cowboy Killer“ fiel mir in der Singlekiste im gut sortierten Kölner Plattenladen aus zwei Gründen ins Auge: 1) sie war auf „Too Pure“, 2) ich wollte wissen, ob Adam, oder gar Teile von mclusky Mitglieder der alten walisischen Punkband COWBOY KILLERS war. Nach der Hälfte des Songs war mir das völlig latte. Ich hörte das böseste, zynischste, fuckyouste, was mir seit Jahren zu Ohren gekommen ist. Eine Woche später lief ich mit „Mclusky Do Dallas“ nach Hause, setzte die Nadel in die Rille und Mr. Chapple brüllte mir von seiner Flugangst aus den Boxen, als ob ich dran Schuld wäre.

My band is better than your band, we take more drugs than a touring funk band.

Mclusky waren keine „richtige“ Punkband. Sie waren auf Too Pure, ließen sich von Steve Albini produzieren und traten nicht ständig in besetzten Häusern auf. Wenn mich aber jemand fragt, was Punk der Musik gebracht hat, dann sage ich: Energie. Ohne DISCHARGE, VARUKERS, TERVEET KÄDET, oder der Unzahl an japanischen Hardcore-Bands würde sich weder Metal, Rock oder Techno so anhören, wie es das heute tut. Und wenn Liam Howlett mit „Faust hoch und ab nach vorne“ beschrieb, was den PRODIGY-Sound ausmachte, dann meinte er genau das. Und das ist es auch, was mclusky ausmachte, in deutlich besserer Qualität als PRODIGY natürlich.

If there’s no new wave then there’s no fun.

2004 spielten mclusky in Potsdam. Ich hing mit einem Freund nachmittags im Flughafen Tempelhof rum, diesmal aber nicht, um beim Air-Snack ein Eibrötchen zu essen, sondern wegen einer zutiefst hippen Veranstaltung: Music for Airports. Das hatte zwei Gründe: 1) es war nur zehn Minuten entfernt, 2) es traten ISAN auf. Letztere – regelmäßige Leser von tentativism werden es wissen – stehen hoch in meiner Gunst. Ich sass also auf der abgenudelten Auslegeware des alten Restaurant des Tempelhofer Flughafens rum, schaute mir das durchaus angenehm gemischte Publikum an, fragte mich, ob Thomas Morr wieder zugenommen hatte und klönte mit besagtem Freund rum, während hinter der Landebahn langsam die Sonne unterging. Eigentlich ganz fluffig. ISAN hatte ich schonmal gesehen, waren nicht so toll wie damals, was aber auch an der Neonbeleuchtung und den unablässig tratschenden Publikum lag. Naja, es war noch genug Zeit, um nach Potsdam ins Waschhaus zu fahren, aber auf der anderen Seite war ich schon den ganzen Nachmittag popkulturell unterwegs, und irgendwie war im aviatischen Elektronikhimmel alles so friedlich, da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob mir mclusky nicht tatsächlich den Abend verderben würden.

I only want a video or photograph of that time you knocked my sister over.

Überhaupt: die hatten gerade mal ihre zweite Platte draußen. Die waren grad erst am Anfang, die würden noch ein halbes Dutzend Platten und Touren machen. Keine Eile, meine Chance kommt noch. Hmm, geschissen. Der Mond hat im neuen Jahr noch keine ganze Füllung gehabt, da schickten die Helden aus Wales schon ihre Auflösungserklärung durchs Weltnetz. Scheinbar konnten die sich wirklich selber nicht ausstehen. Der Verlust wurde erst später offensichtlich. Da wurde klar, dass denen wenig das Wasser reichen konnte. Das wußten inzwischen auch andere, die Vinyl-Ausgaben von „mclusky Do Dallas“ wechselten für knappe 100 Euro die Besitzer. Ich schwelgte 2008 noch einmal einige Wochen in den drei Platten und ärgerte mich zunehmend über meinen Freund, der mich von der Reise nach Potsdam abgehalten hatte. Ich habe aus Frust jeden Kontakt zu ihm abgebrochen, auch wenn ich mich natürlich nur über mich selbst ärgerte. Seitdem bin ich alert: wer weiß schon, wie oft man die Gelegenheit hat, sich mal so richtig anätzen zu lassen. Mit Recht!

Erfreulich, aber kaum tröstend: der Nachfolger FUTURE OF THE LEFT ist auch ziemlich gut. Ist nämlich quasi der legitime Nachfolger. SHOOTING AT UNARMED MEN etwas weniger. Momentan gibt es noch einige Vinyl-Ausgaben der legendären „Do Dallas“ zu kaufen, da die Scheibe zum Record-Store-Day 2012 nochmal begrenzt nachgepresst wurde. Sollte man im Haus haben.

Frank-Walter, Paule und die Künstler

Die ZEIT veröffentlichte am Donnerstag ein Pamphlet von Frank-Walter Steinmeier und Paul van Dyk. Sie machen sich Sorgen um die Künstler: „Wer Kultur macht, hat das Recht auf eine angemessene Vergütung“. Ein Fall für den guten alten Gesellschaftsvertrag, denn „Kulturschaffende müssen auch insgesamt besser abgesichert werden, vor allem was die häufig prekären Lebensumstände betrifft“.

Zufälligerweise fiel uns passend dazu im Musikzimmer ein Statement des geschätzten General Boy von 1978 in die Hände:

The XX: Rückzugsgefechte

(Luc) Als THE XX heiß waren, also im Herbst 2009, kam ich gerade nach England. Ich sollte ein paar Monate im Nordwesten arbeiten. Ich hatte weder ein Büro noch eine Wohnung in Aussicht, mietete mich also in einem B&B an der Küste ein und verbrachte die ersten Tage mit der Wohnungssuche. Und abends lag ich in meinem 6qm-Zimmer, schaute auf die flache See oder auf den Fernseher. Irgendwann lief „Later… with Jools Holland“, eine der feinsten Orte für Livedarbietungen guter Musik (Großartig z.B. der PRIMAL SCREAM-Auftritt mit „Swastika Eyes“!). Ich freute mich auf heiße britische Popmusik aber dort spielte nur THE XX.

Ich weiß, viele werden jetzt denken: „Wie toll, so stimmungsvoll! Ganz alleine mit dem Meer und dieser tollen Musik!“. Weil, THE XX ist ja so schön heimelig und kuschelig. Das wurde gerade nochmal im SPIEGEL bestätigt. Mit THE XX will man unter einer Decke sein, alleine sein, intim sein. Hach ja, schön muckelig. Der perfekte Soundtrack zum Bio-Coccooning der neuen Jungspießer. Und das jetzt sogar mit Indie-Coolness-Siegel! Wenn es ein Qualitätsmerkmal für Popmusik sein soll, klanggewordene Norwegersocken zu sein, dann ist in den letzten Jahren einiges falsch gelaufen. Statt der Möglichkeit, ein besseres Leben zu haben oder zumindest ein anderer Mensch sein zu können (die Essenz des 80er-Hedonismus), dient Musik jetzt scheinbar nur noch zum Einrichten im mehr schlecht als rechtem Jetzt. Es stimmt aber: THE XX sind die ideale Musik für Huscherchen der Generation Praktikum (oder wo sie sich jetzt gerade rumtreiben), die eh‘ schon ständig darüber klagen, wie schwer sie es haben.

Die musikalische Entsprechung: schlimmstenfalls belangloses Café-Gedudel, bestenfalls ein unglaublich farb- und einfallsloses Geklampfe. Zur kammermusikalischen „Reduktion“ (so der Spiegel-Rezensent) gesellt sich eine gesangliche, insbesondere bei Oliver Sim, der stets in einer Tonlage rumnölt, dabei aber in seiner Angestrengtheit, möglichst „intensiv“ zu singen, unglaublich verklemmt klingt (Madley Croft gehört mit gutem Willen noch in die Kategorie FEIST, deren Gekrächze ja durchaus Charme hat). Dass FLORENCE & THE MACHINE sich an dem Club-Klassiker „You Got the Love“ vergriffen hat, ist schon ein Affront für Candi Staton. Der Remix von THE XX allerdings ist eine Demütigung. Hier soll ein Exempel statuiert werden: Gegen Leidenschaft und Lebensenergie, für Lethargie und Zynismus.

Die neue Platte „Coexist“ klingt genauso wie der Erstling. Warum sollte man auch das Rezept ändern? Wir sind gespannt, ob bei der dritten oder vierten Platte dann von den heute noch wohlwollenden Kritikern „fehlende Innovation“ beklagt wird. Immerhin: auf „Reunion“ hört man Steeldrums.

Nachtrag: Wie gestern in der ZEIT bekannt wurde, teilt nicht nur der SPIEGEL die Begeisterung für die spiessigen Kammermusikanten aus England. Hier noch viel schlimmer: Eine Popband wird dafür gelobt, dass sie mit ihren Eltern dicke ist. Soviel Verblendung kann nur in bürgerlichen Kreisen existieren, in denen ja die „Aussöhnung mit der Elterngeneration“ eine Hauptbeschäftigung ab 30 ist. Entsprechend werden THE XX als Erfolgsprodukte einer guten frühkindlichen Musikerziehung (…“auf orffschen Instrumenten herumgeklöppelt“) präsentiert. In einem aber unterscheidet sich die ZEIT vom SPIEGEL: während der SPIEGEL mit THE XX heimelig unter die Decke kriechen will – wo irgendwann die Luft dünn wird -, will die ZEIT durch THE XX „in einer immer enger werdenden Welt freier Atmen“. Ich sags ja: Musik für jammernde Huscherchen.

Wieso Thomas Gross allerdings stets den Kontrast zur mackerhaften Rockerpose herstellt, ist schleierhaft: THE XX sind von Rock so weit entfernt, man könnte diese „Verweigerung“ genausogut bei APHEX TWIN hervorheben. Überhaupt existiert diese Attitüde schon seit Punk (Also seit 30 Jahren) nur noch in der karikierten (THE DARKNESS) oder reaktionären (NICKELBACK, KID ROCK) Form. Das ist nun wirklich ein „Easy Target“, um eine Andersartigkeit zu begründen, die in der Musik und der Rezeption von THE XX nicht enthalten zu sein scheint.

WTH?? (Teil 1): Hejo, spann den Wagen an

(Holly): In meiner frenetischen Lobhudelei über Hot Chip auf dem Dockville Festival erwähnte ich, dass mich nur ein Song aus dem aktuellen Album “In Our Heads” aus meiner beglückten Hysterie zu reißen vermochte, nämlich “Let Me Be Him”. Warum? Nicht etwa weil man sich in den ersten 20 Sekunden gefährlich an “Sky and Sand” der Gebrüder Kalkbrenner erinnert fühlt. Auch nicht wegen der Kinderlachen-Samples und dem Genesis’esken Backgroundgesang, nein es liegt schlicht an einem simplen gesanglichem Stilmittel welches mir bisher noch jeden Song kaputt gemacht hat: die hymnisch intonierte Lautfolge: “Eeh-Ooh” (wahlweise auch “ay oh” “eyo” oder einfach “eh eh”). Bei Hot Chip klingt das wie folgt: ”Ooh oh oh oh eeee-oh oho oh oh ohooo”. Und noch mal von vorne.

Es ist ja nicht so, als wären die Prinzen mit “Alles nur geklaut” die einzigen gewesen, die diesen musikalischen Frevel begangen hätten, aber gefühlt fing es damit an. Obwohl die Bangles mit “Walk Like an Egyptian” sogar noch sieben Jahre früher dran waren. Überhaupt war das “Ey-oh” ein nicht unübliches Stilmittel in den 80ern: davon zeugen unter anderem auch Gloria Estefan (“Rhythm Is Gonna Get You”) und Baltimora (“Tarzan Boy” – ein Grenzfall, zugegeben). Ein Blick in die gegenwärtigen Charts zeigt allerdings, dass diese Unsitte keineswegs an Beliebtheit verloren hat, sondern sich im Gegenteil ohrenscheinlich wachsender Beliebtheit erfreut: Taio Cruz (“Dynamite”), Lady Gaga (“Eh eh”), Shakira (“Waka Waka”) und nicht zu vergessen: Rihanna-you-can-stand-under-my-umbrella-ella-ella-eh-eh-eh! Da möchte ich gerne mit “Aaaaaahhhhhhh!!!!” antworten. Und dann wären da noch Nickelback und Santana mit “Into The Night”. Da hilft auch kein Rückwärts-Abspielen (vgl. Dave Grohl über Nickelback). Aber wer von Nickelback spricht, darf von Milow und “Ayo Technology” nicht schweigen.

Nungut, von den eben aufgezählten Interpreten kann ich mich freilich fernhalten, aber die Sache mit Hot Chip hat mich kalt erwischt. Natürlich bestreite ich nicht, dass averbales jodeln-im-weitesten-sinne ein wichtiges Ausdrucksmittel von  Akustikfolk bis Zeitgeistpop darstellt, ich verwehre mich auch nicht (immer) gegen ein leidenschaftliches “ooooohhooo” (wie zum Beispiel in der aktuellen Family of the Year – Single St. Croix), vielleicht sogar “hey oh”, aber “e/ay oh”, das ist die ultimative Absage an jedwede Leidenschaft, Kreativität und Melodie (vgl. auch The Fall and Decline of M83), das ist nonverbalisierte Hilflosigkeit. Die die Regel-bestätigende-Ausnahme steht aus, Hinweise bitte an tentativism@gmail.com.