tentativism

The kids are sick again, nothing to look forward to.

Monat: August, 2012

MSDockville 2012: Die baumwollgebeutelten Massen

Holly & Luc waren auf dem MSDockville-Festival in Hamburg. Wie das war, erfahrt ihr hier.
(Luc): Natürlich waren wir skeptisch. Immerhin findet das Dockville in Hamburg statt. Wir erwarteten also das übliche Hamburger Publikum, d.h. Agenturgesocks und in Esprit-Vollmontur gekleidete Dorfschönheiten, die gerade erst aus Schleswig oder anderen Holsteinischen Käffern zugezogen sind und jetzt in HH ihren Berlin-Film ausleben. Leider trifft dort zu oft heillose Arroganz auf komplette Unkenntnis der kulturellen Codes auf Popkonzerten (z.B. „ist es voll, dann freut man sich und haut nicht mit dem Ellenbogen auf den Nachbarn ein“). Wir waren also darauf vorbereitet, ein ganzes Wochenende genervt zu sein.
Auf der anderen Seite war das Line-Up nicht verhandelbar: Hot Chip, Future Islands, Maximo Park, Metronomy, The Hundred in the Hands, Apparat, Maccabees, Wye Oak – sogar Frittenbude! Und das mit der Option, nicht zelten zu müssen. Wenn also das Publikum nervt, so kann man sich wenigstens über die Acts freuen. Zumal mit Hot Chip und Future Islands zwei Bands dabei waren, die vorher ihre beglückenden Qualitäten über die Maßen unter Beweis gestellt haben. Lediglich von Maximo Park war nicht viel zu erwarten, nachdem sie 2009 eine derart lustlose Performance abgegeben haben, dass man befürchten mußte, dass sie sich gleich nach dem Konzert auflösen werden. Mehr als alte Helden, die dem Geld wegen noch herumtouren, erwarteten wir also nicht.  

#Tag 1/Freitag

(Holly): Ich verdanke MAXIMO PARK eine Menge. “Our Velocity” hat mich mein Leben verändern lassen, ich muss es so pathetisch sagen. Doch nach einem sehnlich erwarteten, aber eher enttäuschenden Konzert im Oktober 2009 wurde ich undankbar. Luc und andere Männer waren auch nicht so überzeugt, “Mädchenmusik” schmähten sie (Hab ich nie gesagt! Luc). Ich begann fast, mich zu schämen. Also gab ich mich cool als am frühen Freitag abend die 5 Geordies in gewohntem Look die Hauptbühne enterten. Doch was ist das? Luc wippt mit dem Kopf. Gefällt es ihm etwa? Wir schleichen uns unverbindlich näher. “I’ll do graffiti, if you sing to me in french”. Diese eigensinnige MP-Lyrik, wo hört man sowas noch? Dann: Dieses verzerrte Keyboard, ja genau, das…, und dann diese Gitarre: “Limassol”! Sieben Jahre alt und frisch und lecker. Und danach “I want you to stay”. Wie konnte ich das vergessen haben? “Cause nothing works out here, where cranes collect the sky”. Und plötzlich ging alles genau auf, während die Sonne hinter den Hafenkränen unterging…

And the winner was… MAXIMO PARK! Mir gings bis zum Dockville leider nicht anders als der popkulturellen Mehrheit. Maximo Park waren vom Tisch. Spätestens als dieser „Books and Boxes“-Song auf WDR 2 lief, war der Drops gelutscht. Dabei waren die so gut, damals, 2005, als sie zusammen mit den Futureheads dem vorherrschenden Retrogerocke eine groovige Zackigkeit entgegengesetzt haben. Und dann kam dieser Ü-30-Track. Aber mit welcher Verve die aufgetreten sind, war herrlich. Und selbst der kritische Geist muß eingestehen, dass die Band einen Haufen richtig guter Songs hat. Und wenn ich als solcher der Band gegenüber schon zu dem Schluß komme, dann haben sich Maximo Park an diesem Abend zumindest einen neuen Supporter erspielt.

Auf HOT CHIP freu ich mich derart groß, dass es eigentlich nur schief gehen kann. Ich höre rechtzeitig mit dem Bier auf, niemals möchte ich in meiner Erinnerung Hot Chip mit Dixie-Klos zusammenbringen müssen. Also schnell drei Schnäpse an der etwas prolligen Pseudo-VIP-Theke und dann von rechts aussen vor die Bühne drängen. Kaum haben wir eine geeignete Position erkämpft….kommen Hot Chip auf die Bühne.  Seit Monaten male ich mir den Beginn dieses Hollys-Welt-Ereignisses aus, denke an Lichteffekte, Einlaufmusik, sinniere über mögliche Opener und dann das. Keine Verspätung, keine Effekte, kein Gehabe. Erst “Boy from School” reisst mich  aus meiner Überraschung. Los geht’s. Arme hoch und schreien. Neben mir springt Luc ekstatisch auf und ab und gibt den umstehenden, gerade noch ihre Emails checkenden Ignoranten unser Platzbedürfnis zu verstehen. Für die nächste Stunde vergesse ich mich. Höhepunkt; “I feel better”. Ihr nennt es Kitsch? Ich nenne es Glück. “Nothing ist wasted and life is worth living”, über uns der Nachthimmel.  Erst “Let me be him” lässt mich vorübergehend zur Besinnung kommen (warum wird noch zu berichten sein), ich habe Zeit, die Bühne in Augenschein zu nehmen. Rob Smoughton sieht mit diesem Hawaii-Hemd eher nach BeachBoys-Cover aus, Alexis Taylor hat das geekige überperfektioniert, Felix Martin sieht aus wie aus einem Coen-Brüder-Film – wenn diese Männer tatsächlich gerade Richtlinenkompetenz in Sachen Pop und Coolness haben, dann bin ich d’accord mit dem Zeitgeist. Ekstase again: “Hold on”! I’m only going to heaven if it sounds like Hot Chip!

Auf das Zelten haben wir nicht nur wegen meiner zuweilen eher damenhaften Anmutung und den aus dem fortgeschrittenen Erwachsenalter resultierenden Ansprüchen an Komfort und Bequemlichkeit verzichtet. Wir hatten vielmehr einen viel besseren Grund, nämlich eine freie Luftmatratze bei uns liebevoll umsorgenden und uns zu unserem Vergnügen auch noch begleitenden freien Hamburger Hansestädtern. Nach Frühstück auf dem Balkon also in aller Ruhe wieder in die S-Bahn und den Shuttle – Sonnencreme nicht vergessen! Dank der beiden exzellenten Food-Courts auf dem Festival-Gelände ist auch der obligatorische Kater-Pommes-Supply sichergestellt. Derart gestärkt kann’s wieder losgehen!

#Tag 2/Samstag

Die Deutsche Post bzw. DHL haben seit jeher ein Händchen für häßliche Werbefiguren. Rolf („Fünf ist Trümpf“) war dabei noch der sympathischste von allen. Aber wer schüttelte sich nicht bei den Figuren, die unlängst für den E-Post-Brief werben mußten? Die neueste Kreatur aus dem schier unerschöpflichen Hackfressenrepertoire der beauftragten Werbeagentur war dieser junge Herr. „OK“, dachte ich bei dem letzten Gang zur Packstation, „jetzt haben sie es echt übertrieben. Was alte Leute sich so vorstellen, wie junge Leute heute so rumrennen“.  
Was hat das mit dem Festival zu tun: Nun, genau solche Leute rannten da zu meinem Erschrecken rum. Und die kamen nicht so rüber, als würden die Packstation-Promotion machen. Die sahen für lau so aus. Zwar nicht in Masse und Einheitlichkeit wie die Boho-Backfische, aber es gibt sie. Jetzt kann man natürlich sagen, dass auf ’nem Festival alles darf, was sonst nicht so geht, aber damit gibt man ja gleich zu, dass „unter der Woche“ der Hase anders läuft – klassisches Spießertum halt. Und ich glaube, genau das ist der Grund, warum ich immer wieder an den rheinischen Karneval erinnert wurde: billiges Fluchtverhalten.

Wir müssen in die erste Reihe. Deswegen stehen wir schon vor der Maschinenraum-Bühne als noch Urban Cone aus Schweden auf der Bühne stehen (über das wundersame Verhältnis von Popmusik und Schweden wird in diesem Blog noch zu schreiben sein). Als Zugabe gibt’s den Hit (“Urban Photograph“), danach lichten sich die Reihen und wir streben zielstrebig zum Absperrgitter vor der Bühne. Gewimmel auf der Bühne, die 5 Schweden räumen ihre Instrumente selbst ab, dahinter stehen schon die 3 Baltimorer bereit. Ist es übertrieben schon beim Soundcheck zu kreischen? Sam Herring singt eine Solo-Version von “Swept Inside”, die mir noch Tage später im Ohr hängt. Ich bin so aufgeregt, ich fürchte fast, ohnmächtig zu werden. Dann merke ich, dass es nur die Bassboxen sind, die dieses flaue Gefühl erzeugen. Auf der Hauptbühne spielen gleich Metronomy, ob wohl noch ein paar Leute hierbleiben? Die Sonne geht unter, das richtige Ambiente für FUTURE ISLANDS, sieht ja fast aus wie in Baltimore hier. Es geht los, “Give us the wind”. Frenetischer Jubel, es scheint sich tatsächlich herumgesprochen zu haben, dass ein Future Islands-Konzert ein Geschenk für die Seele ist, eine vollwertige, vitaminreiche, heilende Mahlzeit. Die Ordner scheinen ein bisschen überrascht über die Begeisterung den diese ungewöhnliche Performance von Sam Herring auslöst. Spätestens bei “Walking through that door” ist der Höhepunkt der Begeisterung erreicht, crowd surfing, fliegende BHs sich zum Bühnenrand reckende Hände, der Sound bricht in dem massenhaften Geschrei zusammen. Die Steel Drums in “Tin Man” klingen auf einmal Fussballstadiontauglich. Who cares about Metronomy? Ein bisschen eigentümlich ist es schon, der Pathos und die Tiefe der Musik – und die fast hyterische Menge. Ach was eigentümlich, es ist großartig. Unter Zeitdruck versuchen die Drei soviele Songs wie möglich unterzubringen, aber der Zeitplan ist unerbittlich. Sam verhandelt zwar am Ende per Handzeichen mit dem Soundmenschen, aber als er mitkriegt, dass nur noch ein Song geht, heizt er die anderen an, schnell zu machen, um noch zwei Songs zu schaffen. Daumen hoch. Keine Zugabe, aber eine dennoch glücklich zurückbleibende Festivalmenge.

Der Rest vom Indiefest: ich muß jetzt schnell machen, denn je länger ich für diesen Text brauche, desto mehr vergesse ich, wer gespielt hat. Das liegt nicht an mir (ich nehme Gingkopräparate) sondern an der Mittelmäßigkeit der meisten Bands. The Jezebels, Veronica – ach nein, Darkness Falls (leider!), Whomadewho, Urban Dope, hinterließen einen Eindruck, so nachhaltig wie ein Glas Wasser. Einzig WYE OAK fielen positiv auf. Erschreckend zudem die generelle Lustlosigkeit, mit der  die meisten aufgetreten sind. Und nein, das wirkt nicht cool oder slacky, sondern einfach nur tranig. Aber für die Kids reichts anscheinend, jedenfalls hatten selbst die Langweiler von Whomadewho ihr Publikum. Es ist halt kein Zufall, dass sich Maximo Park und Future Islands als große Gewinner herausstellten, denn selbst das abgezockteste Publikum schätzt es wert, wenn die Darbietungen mit Drive vorgetragen werden.

Was war sonst noch? WHOMADEWHO, eigentlich mit Sympathievorschuss, leider irgendwie lahm. Aber der Samstagsnachmittag zur Kuchenzeit ist nicht die Kulisse, die ich mir ausgemalt hatte. „The Sun“ hatte ich mir festivaltauglich vorgestellt, entspricht ja vom Kracher-Nachhaltigkeits-Verhältnis in etwa einem McSpar-Menü – nicht so richtig das Wahre, muss aber manchmal sein. Nunja, wie gesagt, falsche Zeit, falscher Sound. In einer popkulturell anständigen Welt hätte JAMES BLAKE einen Bierbecherhagel abbekommen, dafür, dass er allen mit seinem Gejaule den herrlichen Samstagabend versauen wollte. Wir bedanken uns daher bei einem bekannten Schnapsproduzenten, dass er uns vor dem Siechtum bewahrt hat!

Leider zu kurz gekommen: THE MACCABEES. Das zweite Album „Wall of Arms“ hatte mir gut gefallen, wir sehen sie nur von weitem und im Vorbeigehen, so ist das eben auf Festivals, aber den Leuten scheint es gut gefallen zu haben und der Bühneneindruck überzeugte. Und METRONOMY? Wir sehen die letzte Viertelstunde, keine schlechte Performance, kein schlechter Sound, “Corinne” immerhin einer meiner Liebslingssongs. Aber im Vergleich zu Maximo Park, Hot Chip und Future Islands sagt das Gefühl, dass Metronomy eine Band ist, die im mp3-Format ausreicht.

#The day after

Montag im Büro. Stündliches Prüfen ob nicht jemand Hot Chip oder Future Islands-Mitschnitte bei youtube hochgeladen hat, noch nicht der Fall. Also wieder die alten Videos: Hot Chip in Glastonbury, Tränen in den Augen, ist wohl die nachwirkende Müdigkeit. Die drei alten Maximo Park-Alben auf den IPod geschoben (ich habe sie gar meiner Discogs-Wantlist hinzugefügt, Luc), faszinierend, sogar das dritte Album ist toll. Sollte ich womöglich das neue anhören? Das Wochenende hat nachhaltig gut getan. Sollte man sich merken.

PS: Vielen Dank und viele Grüße an O. & P. nach Hamburg!

MS DOCKVILLE Motivplakat 2012

Motiv: Jakobus Siebels
Design: yytt.de
Shop

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Die Entdeckung des Elementarteilchens: Über Sommerlöcher, Studenten und Literatur

(Holly): Studenten sind so einfach rumzukriegen. Eine besonders erfolgreiche Strategie der Kundengewinnung ist für viele Unternehmen deshalb, mithilfe vergleichsweise günstiger, für Studenten aber attraktiver Prämien (iPods, Bargeld, Trolleysets), Konto-/Versicherungs-/Abonnementverträge mit Studenten abzuschliessen. Besonders perfide ist die Strategie von Nachrichtenmagazinen oder Tages- und Wochenzeitungen. Studenten sehen sich selbst als potentiell intellektuell und kritisch, deshalb BRAUCHEN sie das Spiegel/Süddeutsche/Zeit/taz-Abo WIRKLICH (und es kostet weniger als die Hälfte des Normalpreises, plus LKW-Planentasche als Prämie). Ich habe das Zeit-Abo abgeschlossen (immerhin: das Bergmann-Radio steht bei Luc in der Küche [kriegt aber nur Deutschlandfunk rein. Wahrscheinlich von der ZEIT so ausgeliefert, Luc]). Warum ist diese Studenten-als-Kunden-Nummer so erfolgreich? Weil Studenten nach ihrem Studium immer noch eher als Nicht-Studenten gut auf dem Arbeitsmarkt einsteigen. Man braucht kein Berater-Gehalt um trotzdem soviel Geld zu haben, dass der Leidensdruck durch den Nicht-Mehr-Studentenpreis für das Abo nicht zu groß wird (immerhin: mein auf-einmal-kostenpflichtiges Konto bei der Sparkasse habe ich gekündigt). Die Geschichte mit der Pfadabhängigkeit ist nicht so banal wie sie klingt (es wurden schon Nobelpreise dafür vergeben). Ich bin also seit mehreren Jahren Vollzahler der ZEIT und pflege meine Hassliebe mittlerweise ganz liebevoll. Immerhin habe ich so ein Ventil für ab und an ja auch mal anfallende negative Energien.

Ich schweife ab: es ist Sommer, und das heisst für Medien und Politik: Sommerloch. Da kommen die schönsten Sachen durch die Druckerpressen. Die Zeit-Feuilleton-Schreiber wollten vermutlich dieses Jahr alle ganz weit weg und das ganz lange, und deshalb sind sie auf eine prima Idee gekommen: wir machen einfach den 734. Literaturkanon des 20. Jahrhunderts, das kann man prima vorschreiben oder haben wir eh in der Schublade. Dann brauchen wir nur noch einen kleinen in-was-für-einer-Gesellschaft-leben-wir eigentlich-Streit unter medienaffinen Soziologen anzuzetteln (die betreffende Professorenschaft ist eitel genug, fleissig Gastbeiträge zu liefern) – den Rest erledigt die Praktikantenschaft, ab in den Urlaub!

Ich muss es zugeben, so ganz kalt lässt mich diese Kanon-Geschichte nicht. Ich muss dann aber doch schnell feststellen, dass ich offensichtlich die ein oder andere Bildungslücke (nach Zeit-Feuilleton-Definition) aufweise. Sei’s drum. In der gefühlten 27. Folge dann aber doch: doppelter Treffer! „Die Entdeckung des Himmels“ und „Elementarteilchen“. Beides gelesen (natürlich während des Grundstudiums). Ich lese erst die Mulisch-Rezension. Mir hat das Buch damals eigentlich gut gefallen, die ganze göttliche Geschichte und die zuweilen überambitionierte tour d’horizon durch die bildungsbürgertümliche Menscheitsgeschichte war zwar schon zwischendurch langweilig, aber dennoch erinnere ich mich, dass mich das Buch über einige schlechte Tage hinweggerettet hat, und das ist manchmal schon mehr als eine ganze Menge anderer Bücher können. In Erinnerung geblieben ist mir ein Satz: „Darf Onno bitte draussen mit mir spielen, Frau Hartmann“? Der hat mir gefallen, weil er eben die lakonische, aber innige Freundschaft von Max und Onno spiegelt. Nun aber zu der Rezension: Jürg Laederach schreibt: „Bei Harry Mulisch bleibt offen, ob der Autor oder Gott erzählt“. Naja. Weiterhin kommen einige feuilletoneske Floskeln und Grundbegriffe: „die Regale der Theodizee“, der „Tutti-Roman“, das „mephistophelische“, die „Mulischsche Kombinatorik“. Literaturrezensenten-Dienst-nach-Vorschrift halt. Ist vielleicht die Urlaubsreife.

Auf der nächsten Seite nun die „Elementarteilen“-Kritik. Clemens Setz schreibt, er habe das Buch im Alter von 17 gelesen und es sei das tröstlichste Buch gewesen, dass ihm je untergekommen war. Erst nach der Lektüre habe er wahrgenommen, dass der Roman in vielen Kritiken als bitterböse, kalt, sexistisch und zynisch eingeschätzt wurde. Das fand auch ich bei meiner Lektüre. Ich war sauer, über den erbärmlich wichsenden Bruno, über die Beschreibungen von mordenden Sekten-Orgien und überhaupt: ich war ein Mädchen vom Lande und ich glaubte an „Liebe, Wärme, Intimität und Akzeptanz“, die ,wie Setz schreibt, in der Weltliteratur doch immer die Trostinstanzen gewesen seien. Wie konnte nun der 17jährige Clemens Setz Trost finden in Houellebecqs Masterpiece? Setz zitiert aus dem Buch: „…er litt vermutlich darunter, aber das ist schwer zu sagen, denn er sprach tatsächlich immer seltener. Er errichtete kleine Altäre aus Kieselsteinen, Zweigen und Krebspanzer; dann fotografierte er sie in flach einfallendem Licht“. Dazu schreibt Setz: „In Bildern wie diesem wollte ich mich am liebsten einrollen und friedlich einschlafen“. Ich begann zu verstehen.

Beim Lesen dieser Rezension bleibt ein so ganz anderer Eindruck zurück, als beim Lesen der Mulisch-Kritik. Warum? Vielleicht weil Clemens Setz und ich ungefähr gleich alt sind, vielleicht aber auch eher, weil Setz sich nicht scheut, sehr persönlich zu werden. Er versteckt sich nicht hinter Floskeln, er legt sich offen, und kommt doch nicht vom Thema ab: der Besprechung eines nicht ganz unwichtigen Romans.

 

The Fall and Decline of… (Teil 1): M83

(Luc) Eigentlich sollte diese Rubrik irgendwas mit „Tragödie“ heißen, weil sie sich um Protagonisten der Popkultur drehen soll, die eine große Fallhöhe zurückgelegt haben. In der klassischen Tragödie aber ist von Tragik die Rede, wenn der Held unverschuldet fällt. Das trifft in den Trauerspielen, von denen wir hier und in Zukunft sprechen müssen, nicht zu: Sie alle landen selbstverschuldet und wissentlich in der popkulturellen Gosse.

2003 war die Welt noch in Ordnung, denn M83 veröffentlichten „Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts“. Indietronics und IDM waren ganz oben und ich war mittendrin dabei. BOARDS OF CANADA hatten im Jahr zuvor „Geogaddi“ veröffentlicht und wir alle brannten CDs von ULRICH SCHNAUSS‘ „Far Away Trains Passing By“ für jeden, der nicht bis drei „Strokes“ sagen konnte. ISAN erbrachten mit „Lucky Cat“ den Beweis, dass man sich in die Soundteppiche eines MS-10 besser fallen lassen kann als in jedes Daunenplumeau. Und Morr Music aus Berlin haute eine faszinierende Scheibe nach der anderen raus. Nicht zuletzt mit dem SLOWDIVE-Sampler wurde klar gemacht, dass Electronica nicht der Spielplatz für dumbe Technonasen ist, sondern für die wissende Alternative-Gemeinde, die weiß, wo Mark und Rachel den Most herholen.

Gerade da kam der Zweitling von M83 raus und genau dieser Community fiel die Kinnlade herunter. Man rätselte, ob diese Wände aus Keyboards oder aus Gitarren kommt, ob es eine Band ist oder doch nur ein Loner im Schlafzimmerstudio. Zudem kam dieser Sound aus Südfrankreich, fernab von jeder Pariser Hipness. Dagegen war Weilheim metropolitan. Wer „Dead Cities“ auf Autofahrten, Zugreisen oder sonntagmorgens um halb Acht zuhause gehört hatte, wußte, dass alles gut werden wird, weil unsere Freunde aus Südfrankreich mit ihrer nächsten Platte wieder an die etwas verschrobenen Nerds denken werden.

Und genauso kam es dann auch. „Before the Dawn Heals Us“ hatte alles. Die poppige Leichtigkeit von „Don’t Stop“ oder „Teen Angst“ stand in einem gesunden Verhältnis zu Meisterwerken elektronischer Epik wie „Lower Your Eyelids To Die With The Sun“ (10 Minuten 40 Sekunden!). Es lief rauf und runter. Ich brannte „Before the Dawn Heals Us“ für jeden, der nicht bis drei „Wir sind Helden“ gerufen hatte (ich wohnte damals in Berlin). Und ich fuhr mit dem ICE extra nach Hannover, nur um auf der Fahrt durch die brandenburgische Einöde M83 hören zu können.

Ich besuchte die Webseite von M83 jede Woche um zu schauen, wann die nächste Lieferung kam. Damals waren M83 noch bei Gooom unter Vertrag und deren Webseite war genausowenig zu verstehen wie so viele französische Webseiten – und das lag nicht an mangelnden Sprachkenntnissen. Wie ich später erst verstand, passierte lange nichts, weil Nicolas Fromageau ausgestiegen ist. Damit schlug der Lennon-McCartney-Effekt mit voller Härte zu: ohne Fromageau ist Anthony Gonzalez nur zu Glückstreffern imstande. Aber das konnte ich damals noch nicht wissen. Im Gegenteil: ich nahm „Saturday’s Youth“ relativ objektiv auf. Auch ich weiß einen guten Popsong zu schätzen und erfreute mich so auch an „Kim & Jessie“. Ich schreie aus Prinzip nicht bei jeder Melodie sofort „Sell-Out“. Von WDR 2 waren M83 schließlich weit entfernt. Man verzeiht allzu konturlose Machwerke (oder gar Konzeptalben), wenn bei der nächsten Veröffentlichung wieder zum Kerngeschäft zurückgekehrt wird.

Doch dem war nicht so. Gonzalez meinte es ernst. Zu einem Ausflug in die Charts hätte ich vielleicht nichts gesagt. Hätt‘ mich zwar schockiert, wahrscheinlich hätte ichs noch kapiert. Aber er hat ja gleich auf Stadionpop gemacht. Auf „Hurry Up, We’re Dreaming“ kam der ganze hohle Kappes zum Vorschein. „Midnight City“ überzeugt zwar mit einer guten Idee im (bezeichnenderweise textlosen) Refrain, aber zu mehr reichts dann nicht. Stattdessen behelligt er uns mit einer aus amerikanischen Anwaltsserien abgekupferten Saxofoneinlage.

Jaja, ich weiß was ihr sagen wollt. Ironie und Augenzwinkern. Aber ich habe es gesehen und es war noch viel furchtbarer. Ich hatte M83 noch nie live mitgekriegt und hoffte natürlich auf „America“ oder eben „Lower Your Eyelids“ aber Geschichtsvergessenheit regierte das Uebel und Gefaehrlich im Februar 2012. Und als Holly und ich uns zu den 800 Leuten in den Pulk quetschten, verstand ich auch, wieso „Midnight City“ Platz zwei in den Intro-Jahrescharts wurden konnte. M83 waren inzwischen Konsens unter Sklaven des vorgekauten Indierocks, der durch den deutschen Musikblätterwald getrieben wird und so aufregend wie eine Folge Marienhof ist und der grauen Armada von frisch Zugezogenen, die ihre Ausbeutung in ihren Medienjobs durch eine gekünstelte Arroganz kompensieren wollen, deren Anstrengungen, möglichst bohemian zu wirken, ihnen jedoch umso fetter DORF auf die Stirn schreibt. Habt ihr euch im Kino jemals gefragt, wo denn der Club steht, in denen man mit einer Trendzigarette oder einem Mixgetränk euphorisch mit den Armen schwenkt und die superschlanken Mädchen dem bärtigen Drummer (oder DJ) vielsagende Blicke zuwerfen? Now you know. Dazu müßt ihr euch natürlich vorstellen, wie M83 ständig „Uhuhuhuuu-uhuhuuuhuuu“ und „Oyeo-Eo-Oye“ singen. Guuude Laune Leude!

Ich war aber auch naiv. Holly hört ja immer auf die Texte, aber an mir gehen so Perlen dann vorbei: „Flaming my every cell, you make me feel myself“, „There’s a magic inside just waiting to burst out“, „We’re walking in the streets or what’s left of them, I take your hand and the city is slowly vanishing“. Hier verdient sich Paulo Coelho wohl was dazu. Und auch sonst gehts eigentlich ständig nur über Autorücksitze, den Weltraum und ich und wir. Also das klassisch regressive Fluchtmotiv aus der romantischen Mottenkiste (vgl. Roadmovies, mit Sternenhimmel und offenem Verdeck und so). Sowas trifft in Hamburg auf eine fruchtbaren (und von eDarling und ElitePartner entsprechend vorgepflügten) Boden. Denn wie singt Gonzalez so schön: „The city is my church“. This is where we heal our hurts.

(Holly): Ihr denkt, Luc übertreibt? Wäre verbittert, zynisch, frustriert? Weit gefehlt. Ich war auch da und konnte Emquatrevingttrois recht anspruchslos entgegentreten – bei mir hatten die nix zu verlieren. Luc hatte auch mir eine von den frühen Alben gebrannt und heimlich unter meinen CD-Haufen geschoben, als ich sie dort, wahrscheinlich Monate später, entdeckte, und zugegebenermaßen nur einmal anhörte, war ich jedenfalls nicht unmittelbar überzeugt. Nicht, dass ich sonst nur Jamie Cullum hören würde, aber das war irgendwie so sphärisch, düster, frickelig. Entsprechend überrascht war ich als kurze Zeit später „Midnight City“ zum Spätsommerhit ausgerufen wurde. Im Uebel und Gefaehrlich war ich dann nicht nur vom passiv-aggressiven Publikum genervt (ich stand direkt am Durchgang zum Backstage-Bereich, und was da so hin und her lief, sah gänzlich spaßbefreit aus). Nun muss ich zugeben, dass ich mit Frauen auf Bühnen manchmal härter ins Gericht gehe, als mit Männern. Zudem mit Frauen, die sich ständig in ihren Haaren rumtüdeln. Vielleicht auch besonders hart mit Frauen, die sich ständig, in ihren Haaren rumtüdeln und dabei „Ooooh-oooh“ singen. Da musste ich noch nicht mal mehr auf den Text achten. M83 hatten zwar nichts zu verlieren bei mir, aber gewonnen haben sie auch nichts.

Discogs empfiehlt mir auf der Seite von „Hurry Up, We’re Dreaming“ übrigens FLEET FOXES, RADIOHEAD, JAMES BLAKE und BON IVER. Ich muß raus.

PS: Wer wissen will, wo der alte M83-Sound geblieben ist: Nicolas Fromageau ist mittlerweile bei TEAM GHOST aktiv und hat ein paar feine Platten auf dem ebenso feinen Sonic Cathedral-Label gemacht. Kein Grund für Kulturpessimismus also.